Ehrlichkeit – für rund 80% aller Deutschen ist es laut einer Umfrage wichtig, dass ihr Partner ehrlich ist.

Warum eigentlich? Weil sie nicht belogen werden oder weil sie stets die Wahrheit hören wollen?

Doch welche Wahrheit? Die Wahrheit über sich selbst? Wollen sie tatsächlich eine ehrliche Meinung über sich hören? Doch wozu? Um daran zu wachsen… oder sich gar die Worte des anderen zu Herzen zu nehmen und sich gegebenenfalls zu optimieren?

Wenn man bedenkt, dass viele Freunde und Bekannte auch abweichende Meinungen über einen haben können, wären wir ja gut beschäftigt…

Das glaube ich nicht, dass es darum geht, uns zu optimieren und als Persönlichkeit zu wachsen. Ein großes Bedürfnis nach einem ehrlichen Partner haben wir, weil wir unser Leben gern planen, kontrollieren und uns dabei an Fakten orientieren wollen. Weil wir unsere Entscheidungen auf Grundlage von verbindlichen und handfesten Tatsachen treffen wollen und nicht an vagen Vermutungen und Annahmen.

Wenn unser Partner so offensiv wie offensichtlich fremd geht und sich das nicht mit unserer Vorstellung einer monogamen Beziehung deckt, können wir eine Entscheidung treffen: Wir können den Partner zum Teufel jagen oder können die Entscheidung treffen, ihm nie wieder irgendetwas zu glauben. Oder irgendetwas dazwischen: Ein bisschen zum Teufel zu jagen, ein bisschen zu glauben.

Wenn unser Partner dagegen lügt, wir aber nicht wissen wann, dann wissen wir nicht woran wir sind und sind völlig verunsichert.

“Eine handfeste Lüge ist uns allemal lieber als unglaubwürdige Halbwahrheiten.”

Die Ehrlichkeit des Partners gibt es uns also Sicherheit. Soziale und emotionale Sicherheit. Oder eben glaubwürdige Lügen. Egal. Hauptsache ist, wir wissen, woran wir sind.

Denke nur einmal daran, wie es dir ergeht, wenn dein Partner “unsauber” lügt. Wenn du dir nicht sicher sein kannst, ob er die Wahrheit sagt oder nicht. Wenn du ihm nicht glauben kannst. Sind das nicht immer wieder schreckliche Momente, in denen du haderst und keine Entscheidung für oder wider treffen kannst.

Eine perfide Verdrehung dieser emotionalen Sicherheit findet man bei der Eifersucht. Manch eine eifersüchtige Person weiß, dass der Partner oder die Partnerin noch nicht einmal fremddenkt auch die ehrliche Antwortet auf die Frage, wohin er geht und mit wem. Alle Voraussetzungen für eine emotionale Sicherheit sind gegeben, trotzdem wir die eifersüchtige Person von einem “Wissen” heimgesucht, sie könnte betrogen werden.

Es scheint also einen Unterschied zu geben zwischen unserem Wissen und unserem Glauben. Im Grunde genommen scheren wir uns kaum um die Ehrlichkeit des anderen, um seine Wahrheit und um seine Beteuerungen. Wir glauben das, was wir glauben wollen.

“Wahrheit ist das, was wir glauben.”

Wozu dann noch Ehrlichkeit? Wozu noch Gespräche, die wie ein Rangierbahnhof sind? Manche Sätze und Behauptungen, Erklärungen und Rechtfertigungen werden in die Halle für unglaubwürdig Tatsachen, andere in die Halle für unglaubwürdig Tatsachen geschoben.

Die Sicherheit, die wir uns von der Ehrlichkeit versprechen, gibt es nicht, solange wir nur das wahr halten, was wir glauben wollen. Menschen, die alles glauben, was man ihnen erzählt, werden als gutgläubig belächelt.

Rund 80 % aller Deutschen wünschen sich einen ehrlichen Partner, aber nur 3 % einen selbstbewussten Partner. Ist das nicht erstaunlich?

Welche Vorstellungen verbinden wir mit Selbstbewusstsein? Müssen wir vor einem selbstbewussten Partner Angst haben? Werden wir von ihm in die Pfanne gehauen?

Kein bisschen.

“Ich behaupte, dass Menschen mit einem gesunden Selbstbewusstsein überhaupt kein Bedürfnis haben, anderen Menschen zu schaden oder sie zu schwächen”

..Und ich rede hier bewusst von einem gesunden Selbstbewusstsein und nicht von einem Geist mit narzisstischer Übergröße.

Ein Mensch mit gesundem Selbstbewusstsein hat auch die Größe, sich offen und ehrlich zu zeigen. Er glaubt an sich, an die Beziehung, an die Lösbarkeit von sozialen wie emotionalen Aufgaben innerhalb einer Beziehung. Ihm geht es weniger um Ehrlichkeit als Gegenstück zur Lüge oder Täuschung, sondern um Wahrhaftigkeit.

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Ein Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein fragt sich: was hat ein Mensch (vielleicht der Partner) für Gründe zu lügen, zu täuschen, seine Meinung zurückzuhalten und nur Halbwahrheiten rauszulassen. Kein Mensch ist immer ehrlich, kein Mensch lügt ständig, wir alle sind eine Mischung aus allem.

Was uns voneinander unterscheidet ist nicht die Tatsache, dass der eine lügt und der andere ehrlich ist, sondern unsere Mischung aus beidem. Jeder hat seinen guten Grund zu lügen oder die Wahrheit zu sagen.

Hätte jede andere Person dieselbe Mischung wie wir, würden wir uns an seinen Lügen nicht stoßen, weil wir sie “intuitiv” verstehen. Manchmal stoßen wir uns gar nicht an den Lügen, sondern an den sonderbaren Gründen für die Lüge.

Was die wenigsten Menschen verinnerlicht haben ist die Tatsache, dass jeder Geist und Verstand seinen eigenen Gesetzen und Vorstellungen folgt, aus denen er sich seine Welt konstruiert, in der zu leben sich richtig anfühlt. Da sind die Lügen genauso richtig wie unsere Wahrheiten.

Aus diesem “richtig anfühlen” wird abgeleitet, dass alle Menschen genauso leben müssten. Daraus entsteht dann ein so bescheuerter Satz wie “Ich an deiner Stelle würde … ” Ne, das geht nicht. Jeder an der Stelle des Angesprochenen würde genauso handeln wie der es tut.

Man kann doch nicht einfach einen einzelnen Gedanken nehmen und ihn in das komplexe Gedankengeflecht einen anderen Menschen einsetzen und erwarten, ein einzelner Gedanke würde das durchstrukturierte (und verkrustete) Gedankengebilde aus Welterklärungen und Urteilen der anderen Person verändern.

Eigentlich müssten wir sagen: “Ich an deiner Stelle mit all deinen Gedanken, deinen Wünschen, deinen Fähigkeiten und Gewohnheiten würde genauso handeln wie du es tust. Ich könnte gar nicht anders als du es tust.” Aber das fühlt sich natürlich unbefriedigend an und eigentlich können wir unsere Ratschläge dann auch gleich für uns behalten.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der vieles erlaubt und vieles verboten ist. Manches, was erlaubt ist, interessiert uns nicht, manches, was verboten und auf was wir nicht verzichten wollen, “müssen” wir unbedingt machen oder haben. Heimlich, verborgen hinter Lügen.

Wir lügen dort, wo wir Angst haben, andere Menschen oder unsere Partner könnten uns für unsere Bedürfnisse und Wünsche verurteilen, und sind dort ehrlich, wo es nicht wirklich wichtig ist: “Wenn ich ehrlich sein soll …” Nee, bitte nicht.

“In einer Gesellschaft, in der “An-Sich-Selbst-Denken” mit Egoismus gleichgesetzt wird, kommt es zur absurdesten Lüge aller Lügen: “Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt, weil ich dich schützen wollte!”

So ein Quatsch. Man hat den anderen belogen, weil man seine Reaktion fürchtet. Das Schweigen, das Anschreien, die Wut des anderen, die Trauer, die man nicht zu trösten weiß, die Zähne, die er plötzlich zeigt, oder schlicht die eigene Angst, den anderen zu verlieren – falls man die Wahrheit sagen würde.

Nun gut, nehmen wir mal an, wir belügen den anderen tatsächlich aus Rücksicht und um ihn zu schützen, dann leben wir also in einer Gemeinschaft, in der unsere Lügen und Täuschungsmanöver die vielbeschworene Rücksicht sind … ?

Da wird einem der ehrliche Partner fast schon unheimlich.

Über Ekke: “Den Sinn meines Lebens sehe ich darin, die Lücke zu füllen, die ohne mich nicht wäre. Diese Lücke öffnet und schließt sich täglich neu. Aufmerksam sein.”

Mehr von Ekke findet ihr hier:

www.der-beziehungscoach/ehrlichkeit-beziehungen

Photo by Magda Ehlers from Pexels
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