HAFAWO: Hey, Ekke, auf deiner Homepage ist zu lesen, dass man Gefühle von anderen Menschen nicht verletzen kann. Das klingt mehr nach Provokation als eine vernünftig durchdachte These. Vielen Menschen bitten – auch in Internet-Foren – psychologisch geschulte Fachleute um Hilfe, weil sie vom Partner oder Freunden verletzt worden sind und wollen wissen, wie sie reagieren können.

EKKE: Das ist richtig. Natürlich ist diese Formulierung ein bisschen provokant, und gleichzeitig ist es so, wie ich es formuliere.

Nachdem ich mir den ein oder anderen Chat durchgelesen hatte, fiel mir auf, dass die Psychologen diese Redewendung der User nur aufgriffen, aber gar nicht weiter nachhakten.
Sie wollten gar nicht wissen, welches Gefühl oder welche Gefühle verletzt worden waren, sondern gaben gleich gute Ratschläge.

HAFAWO: Also wissen die Hilfe suchenden Menschen überhaupt, welche Gefühle verletzt worden sind?

EKKE: Die meisten wahrscheinlich nicht. Das würde ja sonst voraussetzen, dass sie sich mit sich selbst beschäftigen und versuchen, ihre Probleme zu ergründen und zu verstehen. Also im weitesten Sinne Selbsterfahrung machen.

Aber selbst wenn die Online-Psychologen genauer nachforschen, wird es dabei bleiben, dass viele Menschen Gefühls-Analphabeten bleiben.

Neulich hörte ich einen jungen Mann zu seiner Partnerin sagen: „Ich habe überhaupt keinen Zugang mehr zu dir. Ich weiß nichts über deine Gefühle und Gedanken!“ Daraufhin schnauzte sie ihn an: „Hör mir bloß mit dieser Psychokacke auf.“

Gefühle und Gedanken sind Privatsache, wie es so schön heißt. Aber wenn man sich noch nicht einmal in einer Beziehung ungeschminkt äußern kann, finde ich das bedenklich. Und es wundert mich nicht, dass viele Paare emotionale Nähe zu ihrem Partner vermissen.

HAFAWO: Ein Internet-Chat ist vielleicht nicht immer geeignet, um einen tiefgreifenden Dialog zu führen?

EKKE: Ja, deshalb kommt mir manchmal dieses Ratgeber-Getue wie ein Zeitvertreib vor. Auf Kosten der Menschen, die Hilfe brauchen.

Und ich habe auf meiner Homepage eine Umfrage gestartet, bei der ich frage, wie offen und ehrlich jemand seinem Partner, einem Freund/einer Freundin und Bekannten gegenüber ist.

Das Ergebnis ist so erstaunlich wie selbstverständlich, nämlich dass sich mehr Menschen einem Freund oder einer Freundin öffnen als ihrem Partner.

In meinen Augen sollte es anders sein: Sich dem Partner anvertrauen. So wie sich der Partner auch öffnen sollte, zuhören und sich nicht gleich angegriffen fühlen.

Aber dieses Unvermögen in der Paarkommunikation ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches. Für viele Menschen ist das eben “Psychokacke”.

HAFAWO: Was, glaubst du, müsste anders werden?

EKKE: Im Falle einer Beratung wäre ein Nachforschen und Nicht-Lockerlassen besser. Also fragen: Welche Gefühle genau sind verletzt worden? Und man würde vielleicht auch bemerken, dass man keine Gefühle verletzten kann.

HAFAWO: Was bedeutet das konkret … ?

EKKE: Nehmen wir mal ein Gefühl wie die Wut. Es ist ein starkes Gefühl, das mich ganz beherrscht, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. Mein Herz schlägt schneller, mein Puls geht hoch. Meine Atmung verändert sich. Meine körperliche Anspannung wächst usw.

Das ist ein körperliches Geschehen, das nicht verletzt werden kann. Die Wut ist einfach da.

Genauso ist es mir der Angst. Keiner Mensch kann meine Angst verletzen. Wie sollte man sie verletzen können?

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Verletzt werden nicht unsere Gefühle, sondern unsere Gedanken über die Situation. Das, was wir als Verletzung unserer Gefühle bezeichnen, ist im Grunde genommen ein Affront gegen unsere Überzeugungen und Meinungen. Gegen unsere Glaubenssätze. Unser Partner tut etwas, was gegen unsere Vorstellung von Richtig und Falsch ist.

HAFAWO: Also Gefühle können nicht verletzt werden, aber Gedanken? So richtig nachvollziehbar ist das nicht. Wie soll man denn Gedanken verletzen?

EKKE: Mit Gedanken meine ich in erster Linie unsere Glaubenssätze über uns selbst. Also die Gedanken, die wir für wahr halten und mit denen wir uns identifizieren.

HAFAWO: Und was hat das mit Kränkungen zu tun?

EKKE: Nun, wenn eine Frau ihrem Partner vorwirft, er sei unzuverlässig, kränkt ihn das, weil er sich selbst für zuverlässig hält.

HAFAWO: Aber die Frau sieht nun einmal seine Unzuverlässigkeit.

EKKE: Und er sieht es anders. Beide müssten erst einmal miteinander klären, was jeder unter „Unzuverlässigkeit“ versteht. Die Frau denkt bei Zuverlässigkeit an andere Dinge als er. Und damit sind wir bei den Gedanken.

HAFAWO: … die verletzt werden können.

EKKE: Ja, unsere Glaubenssätze über uns. Unsere Identität wird angegriffen, und das macht uns wütend oder traurig.

HAFAWO: Kannst du noch ein Beispiel nennen?

EKKE: Da kann ich etwas aus meinem eigenen Leben nehmen. Ich habe früher gedacht, dass ich langweilig bin und dass mir kein Mensch zuhören mag. Wenn ich dann in einem Gespräch war und der Zuhörer sich plötzlich abwandte, wurde nur mein Denken über mich bestätigt. Vielleicht wurde ich wütend, vielleicht traurig. Ich weiß es nicht mehr. Aber auf alle Fälle habe ich mir nichts anmerken lassen.

HAFAWO: Es hat dich verletzt?

EKKE: Aber nicht meine Gefühle.

HAFAWO: Ist diese Unterscheidung nicht ein bisschen kleinlich?

EKKE: Überhaupt nicht. Wie ich am Anfang schon gesagt habe, sind Gefühle quasi unberührbar. Sie sind einfach da. Man kann sie größer machen, kleiner machen oder unterdrücken. Aber sie sind da.

Gedanken und Glaubenssätze aber lassen sich hinterfragen. Ich kann mich fragen: Ist es wahr, dass ich langweilig bin? Auch kann man die Situation besser hinterfragen. Hast sich der Zuhörer wirklich aus Langeweile von mir abgewandt oder ist er durch irgendetwas abgelenkt worden?

Diese „kleinliche“ Differenzierung hilft uns, uns besser zu verstehen und unsere seelischen Probleme besser zu bewältigen.

HAFAWO: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Über Ekke: “Den Sinn meines Lebens sehe ich darin, die Lücke zu füllen, die ohne mich nicht wäre. Diese Lücke öffnet und schließt sich täglich neu. Aufmerksam sein.”

Mehr von Ekke findet ihr:

www.der-beziehungscoach.com/vom-partner-enttaeuscht

 

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