Frau hält Hand vor ihr Gesicht um NEIN zu sagen

Ein Ja ist kürzer, doch sicherlich oft verlogen. Doch ein Ja fällt vielen Menschen einfacher auszusprechen, als ein Nein. Ich weiß nicht, was da noch mitschwingt, oft höre ich, dass es sich nicht gehört und dass die Konsequenzen bei einem Nein unangenehm wären. Doch ich bin davon überzeugt, dass es auch auf die Motivation und auf die Art und Weise ankommt.

Ist ein Nein echt unhöflich?

Dass ein Nein unhöflich ist, sehe ich nicht so. Ich denke, oft wird ein Nein wie ein harter Schlag empfunden, weil die inneren Konstrukte und Pläne wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Vielleicht wird auch eine Erwartung nicht erfüllt. Doch wer ist dafür verantwortlich?!

Es geht nicht nur um die vier Buchstaben. Es geht um die Art und Weise wie sie kommuniziert werden. Ob eine Erklärung mitgeliefert wird, damit die Psyche die so hart scheinenden Worte besser einsortieren kann. Für mich spielen da noch ganz andere Themen mit. Es geht auch um den Zeitpunkt, die  Verantwortung, das Pflichtgefühl, die Rechte, die Angemessenheit, die Auswirkung, die Beziehung zum Gegenüber und vor allem die Verfassung des Selbst in dem Moment.

Ich bin mir ein Nein wert

Leider weiß ich nicht mehr, wer dies sagte „Ein Nein zu einem anderen ist ein Ja zu dir selbst“, doch ich finde, der Satz sagt alles. Die Kunst besteht darin, dies so zu sehen und vor allem zu fühlen. Es geht letztlich darum, was du dir wert bist. Bist du es dir wert Nein zu sagen und ggf. mit den Konsequenzen zu leben?

Unser privates Umfeld sucht sich jeder selbst aus, daher kann auch klar kommuniziert werden, wie etwas gemeint ist. Meine Freunde wissen, dass ein Nein zu ihnen, ein Raum für mich selbst schafft, den ich dann in dem Moment wünsche oder benötige. Die meisten Freunde freuen sich sogar über meine Selbstfürsorge. Das heißt nicht, dass sie oder auch ich es nicht schade finde, dass wir uns nicht sehen. In dem Moment setzte ich mich selbst als Priorität. Von  Menschen, die nicht Nein sagen können, finde ich es echt unverschämt, dies als egoistisches Verhalten hinzustellen. Selbstfürsorge ist gesund für Körper, Psyche und auch für die Seele.

Pflichtgefühl oder doch was anderes?

Zahlreiche Ja’s sind einem Pflichtgefühl oder auch einem schlechten Gewissen geschuldet. Doch ist es das wirklich oder mangelt es dem genaueren Blick dahinter? Wem gegenüber besteht eine Pflicht? Wann ist die Pflicht zu erfüllen? Gibt es eine gewisse Art und Weise, wie die Frage gestellt werden soll? Wie kam es zu dieser Pflicht und wer sagt, dass es deine Pflicht ist?

Fühlst du dich vielleicht verantwortlich? Gibt es Glaubenssätze, die dich zu einem Nein nötigen wollen?

Interessant finde ich Äußerungen wie „Ich musste sie ja fahren, sie hat sonst niemand“ oder „Sie war auch so oft für mich da, da muss ich das doch machen“. Jeder Mensch entscheidet selbst, ob ein soziales Umfeld gewünscht ist. Wenn nicht, dann ist die Konsequenz, dass eben vielleicht keine fünf Freunde parat sind und sofort fahren, streichen, einkaufen oder sonst was können. Doch selbst wenn das soziale Umfeld da ist, jeder ist eigenverantwortlich und ich finde es ehrlich gesagt beschämend, wenn jemand Ja sagt, weil gedacht wird, dass ich es erwarte. Ich erwarte grundsätzlich nichts und übe mich da auch immer wieder daran. Doch eine Aufrechnung, wer was wie oft tat, das ist für mich keine Art von zwischenmenschlicher Beziehung, die ich mir wünsche. Ein Ja aus Pflicht, Anstand oder ähnlichen Gründen, finde ich traurig. Ich wünsche mir, dass ein Ja nur dann kommt, wenn mein Gegenüber voll dahinter steht und es wirklich möchte.

Passend dazu:  Warum Nein-Sagen stark macht, und man keine Angst davor haben muss

Fassetten der Verantwortung

Pflicht, Schuld und Verantwortung werden manchmal verwechselt, was meiner Meinung nach an einem Mangel an zu wenig Raum für die Selbstbegegnung  liegt. Denn in dieser Zeit mit sich selbst können die persönlichen Definitionen beleuchtet werden. Was wichtig ist, was gewünscht ist, das eigene Wertesystem und viele andere Dinge.

Es gibt für mich keine Pflicht, ich würde mir wünschen, dass es eine Pflicht gäbe, die Selbstverantwortung zu tragen. Selbstverantwortung heißt auch gut für sich selbst zu sorgen. Selbstverantwortung heißt, niemand anderen für seine Aufgaben verantwortlich zu machen.

Verantwortung heißt auch, dass sich rechtzeitig gekümmert wird. Es ist ein Unterschied, ob jemand klingelt und fragt „Hallo, kannst du mich bitte schnell zum Arzt fahren?“, weil das Auto nicht geht, es gesundheitlich nicht möglich ist oder andere „Notfälle“ oder ob jemand fragt, ob ich zu dem Termin fahren kann, der schon seit Wochen geplant ist und ich kurzfristig mit der Bitte überfallen werde.

Natürlich kann es sein, dass ein Familienmitglied krank oder sogar ein Pflegefall ist. Doch auch da heißt es nicht, dass sich jemand aufarbeiten muss und das Wohl des anderen über das eigene Wohl zu stellen. Es kann und darf nach Unterstützung gefragt werden. Das ist in meinen Augen kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge und auch von abwägen von kurzfristigen und langfristen Zielen und Konsequenzen.

In einem Arbeitsverhältnis ist es etwa anderes als im Privatleben. Ebenso ist es ein Unterschied, ob ein Erwachsener fragt oder Kinder. Ich sage nur „Mamataxi“. Warum beklagen so viele Eltern ihre Taxifunktion? Was hindert sie daran, ein Nein auszusprechen. Ist die Strecke nicht zumutbar? Geht es um Kontrolle? Oder um Sicherheit? Wenn der Zug (womöglich schon öfters) verpasst wurde, ist für mich auch die Frage, was wird den Kindern an Werten beigebracht, wenn die Eltern da dann eh fahren.

Prioritäten

Nein sagen hat auch was damit zu tun, was dir in dem Moment wichtiger ist, was du als Priorität setzen möchtest. Deshalb sage ich dir: Du kannst voller Stolz und Freude ein Nein sagen oder auch schreiben.

Wenn du Nein sagen möchtest, dann hast du dir Gedanken gemacht oder auf ein Gefühl gehört. Herzlichen Glückwunsch. Du bist in Kontakt mit dir und nimmst deine Bedürfnisse wahr. Du möchtest dich für deine Bedürfnisse einsetzen. Herzlichen Glückwunsch! Du bist dir etwas wert. Das Nein ist quasi die Unterstreichung oder das Ausrufezeichen dahinter. Mache es mit einem inneren Lächeln, denn du tust es für dich!

Möge dir das nächste Nein leichter über die Lippen kommen.

Die Autorin

Jessica Ehrlicher

Ich bin Jessica Ehrlicher und unterstütze Menschen dabei sich selbst zu begegnen und kennenzulernen. Die Begleitung, Beratung und Coaching für kleine und große Menschen erfüllt mein Leben.

Mehr Informationen über mich und was ich so mache, findest du auf meiner Seite: https://www.jessica-ehrlicher.de

 

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