In unserer Leistungsgesellschaft verlieren wir oft das absolut wichtigste aus den Augen … uns selbst! Nehmen wir zum Beispiel die Situation des „aus dem Fenster gucken“. Wir neigen ja fast schon dazu, uns Vorwürfe zu machen, wenn wir in einem Moment der inneren Ruhe aus dem Fenster starren. Wir sollen doch arbeiten, studieren oder Dinge von unserer To-Do-Liste abarbeiten. Aber „aus dem Fenster gucken“? Das ist doch fast die Definition von verschwendeter Zeit. Es produziert nichts, und welchem  Zweck dient das überhaupt?

Wir setzen es mit Langeweile, Ablenkung oder manchmal sogar mit Sinnlosigkeit gleich. Die Tatsache, dass du dein Kinn in der Nähe einer Glasscheibe in deinen Händen hältst und deine Augen in die Mitte driften lässt, genießt normalerweise kein hohes Ansehen. Wir gehen nicht her und sagen: “Ich hatte einen großartigen Tag: Das Beste war, aus dem Fenster zu starren”. Aber vielleicht sollten wir das. Ich denke, würden wir nicht so unter Leistungsdruck stehen, würde hier unsere Gesellschaft anders denken, dann würden die Leute sich so etwas sagen trauen.

Aber leider ist „Tagträumen“ eine Tätigkeit, die jahrhundertelang von Moralisten, Lehrern, Arbeitgebern, Eltern und unserem eigenen schlechten Gewissen verurteilt und verunglimpft wurde.

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Aus einem Fenster zu starren, hat paradoxerweise nicht den Grund herauszufinden, was draußen vor sich geht. Es ist vielmehr ein Zeichen unseres Gehirns, dass es nach einer Pause verlangt. Es ist außerdem eine gute Übung, die Inhalte unseres eigenen Geistes zu entdecken. Es ist wichtig, dass wir wissen, was wir denken, was wir fühlen und was in unseren Köpfen passiert. Aber wir machen das leider viel zu selten. Es gibt viele verschiedene Dinge und Gründe, was uns zu dem macht, was wir sind. Und vieles ist noch immer unerforscht und unbenutzt. Das Potenzial ist aber da und wartet darauf entdeckt zu werden. Es ist aber schüchtern und entspringt nicht gleich dem direkten Befragungsdruck. Wenn wir es richtig machen, bietet ein Blick aus dem Fenster eine Möglichkeit für uns, auf die leisen Vorschläge und Perspektiven unseres tieferen Selbst zu hören.

Platon schlug einst eine Metapher für den Geist vor. Sie lautet in etwas so: „Unsere Ideen sind wie Vögel, die in der Voliere unseres Gehirns herumflattern“ (Voliere ist ein großer Vogelkäfig, der einen großen Freiflugraum bietet). Aber damit die Vögel sich niederlassen konnten, verstand Plato, dass wir eine Zeit zweckfreier Ruhe brauchen. Aus dem Fenster zu blicken bietet eine solche Möglichkeit. Wir sehen die Welt treiben: Ein Zweig hält sich gegen den Wind; Ein grauer Hochhausblock dringt durch den Nieselregen. Eine Katze streunt umher … Aber wir müssen nicht antworten. Wir haben keine übergreifenden Absichten, und so haben die eher zaghaften Ideen in uns eine Chance, gehört zu werden. Wie der Klang von Kirchenglocken in der Stadt, wenn der Verkehr in der Nacht nachlässt.

Erinnere dich an vernachlässigte Teile in dir selbst

Das Potenzial des Tagträumens wird von produktiv besessenen Gesellschaften nicht erkannt. Aber einige unserer größten Einsichten kommen, wenn wir aufhören, gestresst zu sein und stattdessen das kreative Potenzial der Träumerei zu respektieren. „Window Daydreaming“ ist eine strategische Rebellion gegen die übertriebenen Forderungen nach unmittelbarem Druck zugunsten der Leistung. Aber im Grunde ist es eine sehr ernsthaften Suche nach der Weisheit des unerforschten tiefen Selbst. Wie sagte einst der bekannte Modeschöpfer Karl Lagerfeld so schön: „Tagträumen ist vielleicht die wichtigste Arbeit in meinem Leben“

 

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