Stellt euch mal zwei sehr unterschiedliche Familien vor, jede an einem typischen Abend beim eigenen Esstisch.

Familie Eins

Das Kind verhält sich sehr gut: Das Kind sagt, wie nett das Essen ist. Es redet darüber, was in der Schule passiert ist. Es hört zu, was die Eltern im Kopf haben, und am Ende geht das Kind los, um die Hausaufgaben zu erledigen. Kommentar- und Emotionslos.

Familie Zwei

Hier ist es komplett anders. Das Kind nennt die Mutter „ahnungslos“, es schnaubt mit Spott, wenn der Vater etwas sagt und macht einen gewagten Kommentar, der zeigt, dass seine Meinung eine völlig andere ist. Wenn die Eltern fragen, wie die Hausaufgaben laufen, kommt als Antwort: „die Schule ist dumm“, stürmt davon und knallt die Tür zu.

Es sieht so aus, als ob alles perfekt in Familie Eins, und sehr anstrengend in Familie Zwei läuft.

“wenn wir in den Geist der Kinder schauen, bekommen wir vielleicht ein ganz anderes Bild”

In der Familie Eins hat das sogenannte „gute Kind“ eine ganze Reihe von Emotionen in sich, die es nicht ausleben kann. Nicht weil das Kind es nicht will, sondern weil es vermutlich nicht die Möglichkeit hat, toleriert zu werden, wie es wirklich sein will.

Es hat das Gefühl, dass es seinen Eltern nicht zeigen kann, wenn es wütend, satt, oder gelangweilt ist, weil es denkt, die Eltern haben keine inneren Ressourcen, um mit ihrer Realität fertig zu werden. So leben es die Eltern zumindest vor. Somit ist das Kind gezwungen, sein inneres, gröberes und manchmal verwirrendes Selbst zu unterdrücken.

Jede Kritik an einem Erwachsenen ist (so stellt sich das Kind es vor) so verletzend und verheerend, dass es nicht ausgesprochen werden kann.

Passend dazu:  Die Wünsche eines Kindes - Erziehungstipps aus Kindersicht

In der Familie Zwei weiß das sogenannte „böse Kind“, dass die Dinge robust sind. Es fühlt, dass es ihrer Mutter sagen kann, dass sie „ahnungslos“ ist, weil es in seinem inneren Herz weiß, dass Mama ihr Kind liebt und, dass ein Anfall von irritierter Grobheit das nicht zerstören wird.

Es weiß, dass ihr Vater nicht “auseinanderfallen” oder sich dafür rächen wird, nur weil er einmal verbal gefordert wird. Das Umfeld der Familie ist gefestigt und stark genug, um die Aggression, Wut, Unsicherheit oder Enttäuschung des Kindes zu absorbieren.

Was passiert ist meist folgendes:
Das „gute Kind“ geht in seinem zukünftigen Leben knallhart auf die anstehenden Probleme im Erwachsenenleben zu. Typischerweise mit übermäßiger Regeltreue, Starrheit, Mangel an Kreativität und einem unerträglich harten Gewissen, das schlussendlich sogar Selbstzweifel auslösen kann.

Und das „unartige Kind“ ist auf dem Weg zu einer gesunden Reife, die Spontanität, Belastbarkeit, Fehlertoleranz und Selbstakzeptanz beinhaltet.

Was wir Eltern vielleicht zuerst als „anstrengend oder unartig“ sehen, ist in Wahrheit eine frühe Erforschung von Authentizität und Unabhängigkeit.

Als „ehemalige ungezogene Kinder“ können wir kreativer sein, weil wir Ideen ausprobieren können, die nicht sofort Zustimmung finden. Wir können einen Fehler, oder ein Durcheinander machen oder sogar lächerlich wirken, und es wird kein Desaster sein. Eine andere Meinung kann diskutiert oder verbessert werden. Unsere Sexualität ist für uns im Wesentlichen akzeptabel, und wir müssen uns nicht übermäßig gedemütigt fühlen, wenn wir evt. einen gleichgeschlechtlichen Partner vorstellen. Wir können Kritik an uns selbst ertragen und verstehen und das Konstruktive darin sehen.

Natürlich gilt das nicht für alle Kinder!

Manche Eltern haben tatsächlich Gene, die so eine innere Balance liefern, dass auch ihre Kinder diese Ruhe in sich tragen. Aber sind wir mal ehrlich. Auf wie viele von uns trifft das zu?

Der Großteil von uns Eltern sollte lernen, unsere Kinder, die wir oft als „unartig oder anstrengend“ empfinden, aus dem richtigen Blickwinkel zu sehen. Ein paar chaotische Szenen und gelegentliche erhobene Stimmen zu tolerieren.

Wovor haben wir Eltern Angst?

Vor kleinen Menschen, die Probleme bereiten?

Und wenn wir Eltern, eines Tages stolz auf unsere Kinder sind, weil sie mit Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein in Erscheinung treten … dann sollten wir uns daran erinnern, dass es damals ein kleines Kind gab, das sich dafür entschieden hat, durch die Augen der Liebe zu einem zutiefst unvernünftigen und offensichtlich unangenehmen Verhalten in Erscheinung zu treten…

Über den Autor:

Rainer ist seit 2010 glücklich verheiratet, hat 3 Kinder, Pädagogische Psychologie und Führungswissenschaften studiert, ist zitierter Autor in bekannten Medien wie NEWS, Die Presse, etc. und ehrenamtlich als Nachwuchstrainer bei einem Fussballverein für die Bambinis (U8) tätig.

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18 Kommentare

  1. … egal in welche der beiden Richtung sich unsere Kinder entwickeln. Letztendlich sind wir die Verantwortlichen… Und nun sagt mir wieviel Zeit wir für unsere Kinder und deren Erziehung noch haben?

  2. Sicher;-) Wer keinen Zugang zu seinen eigenen Kindern hat, der muss sich Alles „schön Reden“ um nicht durch zu drehen!
    Bei uns können die Kinder immer sagen was sie denken, aber RESPEKT sollte sein, in Familie 2 fehlt es eindeutig an Respekt, Erziehung usw.
    Versuchts mal bei diesem „Erziehungsstil“ den Kindern zu erklären die sollen mal mit 14 j irgendwohin nicht ausgehen, oder Drogen mal sein zu lassen… bin gespannt welche Beleidigungen dann folgen:-D ABER SCHÖNNNN, lass ma uns beschimpfen… NEUER ERZIEHUNGSSTIL!;-)

  3. Danke für den Artikel. Ich bin selber Pädagogin, und freue mich total über diese Sichtweise. Hab die Kritiken auf FB gelesen, und verstehe die Kritik teilweise nicht. Meldungen wie: “Natürlich wieder alles Schwarz-Weiß” … scheinbar haben hier einige den Sinn dieses Artikels nicht verstanden …

  4. Wahnsinnig toller und vor allem WICHTIGER Artikel. Ich selbst bin Kindergarten- und Hortpädagogin und war ein braves Kind. Erst durch meine padagogische Ausbildung und jetzige Arbeit, wurde mir vor allem durch die Kinder gezeigt, dass einem Ungehorsam und kritische Fragen oft viel mehr (weiter) Dringen, als angepasst zu sein. Es ist halt unangenenmer.
    Danke für diesen Artikel, er spricht mir aus der Seele!
    Ich hoffe, dass mir noch ganz, ganz viele “anstrengende” Kinder begegnen werden

  5. Alles schön und gut!
    Man kann sich alles Schönreden!
    Aber das hat alles mit respeckt den Eltern gegenüber und seiner umgebung zu tun!
    Und wenn Kinder heutzutage nichtmal mehr ein bitte,danke,hallo zur begrüssung und Tschüss zur
    verabschiedung sagen können finde ich das etwas bedenklich!
    Und wenn das ein Kind nicht gelernt hat,hat es in meinen Augen gar keine erziehung genossen!
    Sowas nennnt man antiautoritäere erziehung,also suzusagen gar keine
    erziehung wie man mit Eltern oder anderen bzw älteren mitmenschen umgeht!

  6. Klingt nach einer einfachen Ausrede seinem Kind nicht liebevoll gezeigt zu haben wie man respektvoll mit seinem Umfeld umgeht. Kann mal vorkommen, sollte aber die Ausnahme sein. Mein Kind kann im Leben alle Möglichkeite haben sich weltoffen zu entfalten OHNE eine kleine ekelhafte Kackbratze zu sein.

    • Bis auf die “Kackbratze” bin ich deiner meinung!
      Kinder sind Kinder und sie können fordernt und anstrengend sein, oder in die Pubertät kommen wie wir es alle
      durchgemacht haben bzw unsere Eltern!
      Aber trotzdem finde ich (43 jahre alt) das wir einfach anders(ob nun besser ist eine andere frage erzogen wurden)
      Zumindest wurden wir so erzogen das man den Nachbarn grüsst wenn er vorbeigeht!
      Aber da könnte man ewig weiterschreiben!

  7. Ich kann das bestätigen. Meine Kinder mögen manches Mal anstrengender sein als “JaSager” Kinder, weil sie direkt und ehrlich sind. Aber es fällt auf, dass alle 3 ein sehr gesundes Selbstbewusstsein haben. Und das war ein Schwerpunkt unserer Erziehung, denn nur wer seine Meinung mutig und ehrlich sagen kann, der kann gut auf sich selbst und seine Bedürfnisse achten. Natürlich alles in einem gesunden Rahmen. Meine Kinder dürfen es sagen, wenn sie anderer Meinung sind und auch in gewissen Rahmen mit mir diskutieren. Wo sonst sollen sie es lernen, wenn nicht im geschützten Raum (Elternhaus)? Das hat auch etwas mit Respekt zu tun. Nur wer respektvoll behandelt wird, lernt es auch anderen Respekt entgegen zu bringen. Meine Kinder mögen zu Hause anstrengender zu sein als andere, dafür passen sie sich sehr gut in der Schule in der Gemeinschaft an, das wird von den Lehrern immer wieder betont. Sie wissen was sie wollen aber auch wie sie das der Reife entsprechend respektvoll durchsetzen oder auch problemlos mit Rückschlägen klar kommen. Mich stört es auch nicht, wenn meine Kinder ihre Meinung kundtun. Ist mir lieber als wenn sie es in sich rein fressen weil sie Angst haben.

  8. Bei uns ist das ganz genauso. Der Bericht stärkt mich das wir doch alles richtig machen. Unsere Kinder sind nicht immer einfach und für den ein oder anderen auch falsch erzogen. Aber das Selbstbewusstsein was beide an den Tag legen liegt mir sehr am Herzen. Und das zeigt sich in Schule wie im Kindergarten das es mehr als positiv ist.

  9. Danke, danke, danke….es ermutigt mich ungemein, dass bei meinem kleinen Wildfang doch nicht alles verkehrt gemacht wurde(meinerseits)….

  10. Es bitzeli z’eifach und z’plakativ gschriibe.
    Aastand und siini Gfühl chlei im Griff ha – mues au glehrt werde.

      • Übersetzung:
        Es ist ein bisschen zu einfach und zu plakativ gechrieben.
        Anstand und seine GEfühle gleich im Griff haben – muss auch gelehrt werden.

      • Er schreibt: es ist ein bisschen zu einfach und zu plakativ geschrieben. Anstand und seine Gefühle im Griff haben – muss auch gelehrt werden.

        Womit er recht hat, Eltern lehren es als Vorbilder in dem sie auf die emotional Anspruchsvollen so reagieren das die Situation sich entspannt.

  11. In keiner Familie sind Kinder immer angepasst und machen dass was von den Eltern verlangt wird!Es beginnen schon Babys ihre Wünsche durch zusetzen und interessant wird es mit Kleinkinder!Auseinandersetzung und seinen Willen durchsetzen gehört zur Entwicklung dazu auch streiten gehört gelernt!Im Leben gibt es nicht nur Harmonie und eitle Wonne.Auseinandersetzungen seine Wünsche durchsetzen um einen Job kämpfen u.s.w.!Wenn Kinder nicht lernen mit Niederlagen und Auseinandersetzungen um zu gehen bläst der erste Sturm sie als Erwachsener um!

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