Ich habe eine knifflige Frage für dich: Was ist dir lieber? Du bist der intelligenteste Mensch, aber die Welt denkt, du bist der dümmste? Oder: Du bist der dümmste Mensch, aber die Welt denkt, du bist der intelligenteste?

Vielleicht hast du es in der Zeitung gelesen oder im TV gesehen. Als Bob Dylan 2016 den Nobelpreis für Literatur bekam, hörte man wochenlang nichts von ihm. Kein Statement, kein Interview, Nichts! Nicht einmal den Anruf der Schwedischen Akademie nahm er entgegen. Es hagelte Kritik von allen Seiten. Wie kann man nur so undankbar sein! So arrogant! So gleichgültig! Als Dylan sich dann endlich meldete, in einem Interview mit einer britischen Zeitung, sagt er trocken: »Ich schätze diese Ehre sehr.« Als hätte ihn ein PR-Berater zu diesem Satz gedrängt. Zur Preisverleihung kam er dann doch nicht, beziehungsweise mit dreimonatiger Verspätung. Man darf, oder besser gesagt, man muss davon ausgehen, dass ihm der weltweit renommierteste Preis tatsächlich nicht die Bohne interessiert.

Nächstes Beispiel: Der 1966 geborene Grigori Perelman gilt als der größte lebende Mathematiker. Im Jahr 2002 löste er eines der sieben mathematischen »Jahrtausend-Probleme«. Die restlichen sechs sind noch immer ungelöst. Er bekam die Fields-Medaille zugesprochen, gewissermaßen den Nobelpreis für Mathematik … und lehnte ab. Selbst das Preisgeld von einer Million Dollar schlug er aus, obwohl er das Geld durchaus brauchen könnte. Perelman lebt ohne Job bei seiner Mutter, in einer Plattenbau-Siedlung in Sankt Petersburg. Für ihn zählt nur die Mathematik. Was die Welt über ihn und seine Leistungen denkt, ist ihm herzlich egal.

Zu Beginn meiner Zeit als Blogger war es mir wichtig, zu wissen, was andere über unseren Blog denken. Ich freute mich über jede Verlinkung und ärgerte mich über jede Kritik. Ich nahm die Klickanzahl der gelesenen Artikel als Gradmesser meines Erfolgs. Irgendwann, mit Anfang 40, hatte ich meinen Bob-Dylan-Moment. Ich verstand: “Die Öffentliche Wertschätzung hat mit der Qualität meiner Arbeit kaum etwas zu tun, sie macht meine Artikel weder besser noch schlechter”. Diese Einsicht war wie die Befreiung aus einem selbst gebauten Gefängnis.

Aber zurück zur Anfangsfrage. Warren Buffett stellt sie so: »Möchten Sie lieber der beste Liebhaber der Welt sein, während Sie als der miserabelste gelten? Oder möchten Sie lieber der miserabelste Liebhaber sein, aber vor aller Welt als der beste gelten?« Buffett illustriert damit eine der wichtigsten Erkenntnisse für ein gutes Leben: den Unterschied zwischen der Inner Scorecard und der Outer Scorecard, das heißt des inneren beziehungsweise äußeren Bewertungsschemas.

Die Frage also, ob es für dich wichtiger ist, wie du dich selbst bewertest, oder aber, wie die Außenwelt dich bewertet.

Nehmen wir z.B. unsere Kinder. Sie lernen sehr, sehr früh, was den Eltern wichtig ist. Wenn Ihre Eltern Gewicht darauf legen, was die Welt über Sie denkt – unabhängig davon, was Sie wirklich tun – dann werden sie mit einem äußeren Bewertungsschema aufwachsen. Und das, kann ein gutes Leben quasi im Keim ersticken.

Sich um einen möglichst guten Ruf zu bemühen ist leider ein Irrtrieb, der tief in uns steckt. Was denkst du, war für unsere jagenden und sammelnden Vorfahren entscheidender, die eigene Bewertung oder die Meinung der Außenwelt? … Natürlich Letztere. Ihr Leben hing entscheidend davon ab, was die anderen über sie dachten, ob sie mit ihnen kooperierten oder sie aus der Gruppe verstießen. Jene Vorfahren, denen ihre Outer Scorecard egal war, sind aus dem Genpool verschwunden.

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Vor etwa 10000 Jahren entstanden die ersten Dörfer und Städte. Weil in diesen Siedlungen nicht mehr jeder jeden persönlich kannte, galt es jetzt den »Ruf« zu pflegen, der einem vorauseilte. Der Klatsch übernahm die Funktion der persönlichen Bekanntschaft. Und dieser Klatsch hat seither die Welt erobert. Achte mal darauf, wenn du das nächste Mal Freunde triffst: Ich schätze mal, ihr werdet zu 90 Prozent über andere Menschen reden.

Dass wir derart auf unsere Außenwirkung bedacht sind, hat also nachvollziehbare evolutionäre Gründe. Das bedeutet aber nicht, dass diese Orientierung auch heute noch sinnvoll ist. Ganz im Gegenteil: Die Meinung der anderen über Dich ist weit weniger wichtig, als du glaubst. Deine emotionale Reaktion auf Veränderungen deines Prestiges, deines Rufs und Ansehens ist viel zu stark »eingestellt«, oder anders gesagt: immer noch im Steinzeit-Modus.

Ob man dich in den Himmel lobt oder durch den Dreck zieht – der tatsächliche Effekt auf dein Leben ist weitaus kleiner, als dein Stolz oder dein Scham es dir glauben lässt.

Deshalb: Befreie dich davon!

Aus mehreren Gründen. Erstens ersparst du dir die emotionale Achterbahnfahrt. Du kannst deinen Ruf ohnehin nicht auf Dauer managen. Gianni Agnelli, der frühere Boss von Fiat sagte: “Im Alter hast du den Ruf, den du verdienst.” Heißt: Man kann anderen kurzfristig etwas vorspielen, aber nicht ein Leben lang. Zweitens verzerrt die Konzentration auf Prestige und Reputation unsere Wahrnehmung dessen, was uns wirklich glücklich macht. Und drittens stresst sie uns, was dem guten Leben abträglich ist.

Die Konzentration auf die innere Bewertung war nie bedeutender als heute. »Social Media«, sagt der Journalist David Brooks, »schaffen eine Kultur, die Menschen zu kleinen Brandmanagern macht, indem man über Facebook, Twitter, SMS und Instagram ein falsches fröhliches, aufgepepptes externes Ich präsentiert«. Brooks verwendet das hervorragende Wort Approval-seeking Machine (eine nach Bestätigung suchende Maschine), zu der man wird, wenn man nicht aufpasst.

FacebookLikes, Bewertungen, Anzahl der Follower usw. spinnen ein Netz von quantifizierten Sofortrückmeldungen zum eigenen Status – der ja nicht einmal der wahre Status ist.

Wer in diesem Netz erst mal gefangen ist, wird Mühe haben, sich freizustrampeln und ein gutes Leben zu führen.

Fazit:
Die Welt wird über dich schreiben, tweeten, posten, was sie will. Man wird hinter deinem Rücken tuscheln und tratschen. Man wird dich mit Lob überhäufen und dich in Shitstorms verwickeln. Das kannst du gar nicht steuern. Musst du zum Glück aber auch nicht. Wenn du nicht gerade Politiker oder Promi bist und dein Geld mit Werbung verdienst, kümmere dich nicht länger um deinen Ruf. Lasse das Liken und Geliked-Werden bleiben. Googele dich nicht, und heische nicht um Anerkennung.

Leiste stattdessen etwas, und lebe so, dass du noch in den Spiegel schauen kannst.

Warren Buffett sagt: »Wenn ich etwas tue, das die anderen nicht mögen, aber ich fühle mich dabei gut, dann bin ich glücklich. Wenn andere mich loben, aber ich bin mit meiner Leistung nicht zufrieden, dann bin ich unglücklich.«

Das ist die perfekte Inner Scorecard. Halte dich auch daran, und quittiere sowohl Lob wie Tadel von außen mit freundlich-gelassenem Desinteresse.

Es gilt nur, was Du über dich denkst

(Eine Inspiration aus dem Buch „Die Kunst des guten Lebens“ von Rolf Dobelli)

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