Tanja war gut in der Schule, sogar in Sport. Nur Ballspielen konnte sie nicht. Alle Mitschülerinnen wussten es: Tanja fängt keinen einzigen Ball. Dabei war sie sonst recht schnell, hatte passable Reaktionen und konnte gut sehen.

Tanja ertrug, immer als eine der letzten in ein Ballspiel-Team gewählt zu werden. Tanja fand sich damit ab, dass sie eben keine Bälle schnappen konnte. Als sie älter wurde, gewöhnte sie sich an den Gedanken, dass sie überhaupt Dinge, die durch die Luft flogen, nicht fangen konnte.

Wollte ihr Freund ihr den Autoschlüssel zuwerfen, wehrte sie ab und ging hin, um ihn sich zu holen. Wenn eine Freundin ihr beim Picknick einen Apfel zuwarf, landete der irgendwo im Gras. Und wenn beim Kramen ein Buch aus dem Regal fiel, ging Tanja in Deckung, weil sie wusste, sie konnte es sowieso nicht aufhalten.

Tanja wurde Mutter. Eines Tages saß sie bei ihrem Kind und freute sich über dessen erste selbstständige Essversuche. Das Kind feuerte mit einer unkoordinierten Armbewegung eine Plastikschüssel voll Karottenbrei von seinem Tisch. Ohne zu denken griff Tanja danach und fing das Schüsselchen im Flug auf. Kurz darauf machte sich der Löffel selbstständig. Wieder fing Tanja ihn mit einer einzigen Handbewegung. Plötzlich dämmerte ihr, dass etwas an dieser Sache ungewöhnlich war. Sie war total baff und konnte es selbst nicht glauben.

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Als ihr Mann heimkam, machte sie den Test. „Wirf mir einen Ball zu!“, forderte sie ihn auf. Ihr Mann warf, Tanja fing: Plötzlich wusste sie, was all die Jahre los gewesen war: Irgendwer hatte ihr und allen eingeredet, sie könne nicht fangen, und die Mitschülerinnen und sie selbst hatten es geglaubt – So sehr, dass sie wirklich nichts fangen konnte. Nichts hatte dieses Bild ins Wanken bringen können – bis zu diesem Moment.

Fazit
Selbsterkenntnis kann durch das Fremdbild, das andere von Dir haben, kräftig verzerrt werden.

Und: Blockaden können verschwinden, wenn man hinreichend von ihnen abgelenkt ist.

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