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Wir verdanken den 1960 durchgeführten „Split Brain Experimenten“ des Nobelpreisträgers und Neurologen Roger Sperry unsere Faszination für das Betiteln von Menschen als „links“ oder „rechts“ denkend. Es ist nur eine Metapher, aber eine, die Stoff für viele Debatten bietet, besonders da wir inzwischen wissen, dass die Gehirnhälften sich gegenseitig ergänzen wenn wir kreativ oder logisch denken.

Bei meiner Arbeit als Geschäftsführer und Personalentwickler wollte ich Argumente über die Gehirnneurologie vermeiden, und eine bessere Metapher schaffen, um den Menschen zu helfen, Probleme bei der Arbeit kreativer anzugehen. Bei meinen Recherchen stieß ich auf einen sehr  interessanten Artikel in einem amerikanischen Management-Magazin. Es handelt von einer total neuen Technik, dem so genannten „Thinking Heads Engineering (THE)“, zu Deutsch „Die Technik denkender Köpfe“.

Ich habe den Artikel inhaltlich zusammengefasst, ihn mit ein paar selbst durchgeführten Recherchen erweitert und ins Deutsche übersetzt. Voila:

Bei der Arbeit setzen wir unseren Betriebswirtschaftlichen Kopf z.B. für reibungslose betriebliche Effizienz beim Planen, beim Fällen von Entscheidungen, bei der Aufstellung von Regeln und bei der Auswahl neuer Mitarbeiter ein. Den kreativen Kopf benutzen wir indes, um tiefgehende Probleme anzupacken, welche, auf längere Zeit gesehen, das Überleben des Betriebes bedrohen könnten. Wir müssen in der Lage sein, zwischen den beiden Köpfen hin und her zu schalten.

Sehen wir uns einige der Grundlagen von Thinking Heads Engineering an und überlegen wir, welche gedankliche Prinzipien der Betriebswirtschaftliche Kopf benutzt und wie der Kreative Kopf diesen entgegenwirkt. Hier sind einige der Unterschiede zwischen den Denkvorgängen des Betriebswirtschaftlichen und des Kreativen Kopfes.

1. Status Quo Denken

(Betriebswirtschaftlicher Kopf meidet Veränderung. Kreativer Kopf sucht Veränderung)

Da sich die Welt verändert, muss sich auch das Unternehmen ändern. Aber warum ist gedanklich „stehen zu bleiben“ einfacher als unsere Denkweise zu ändern?

So wie unsere Körper darauf eingestellt sind, innerhalb bestimmter physikalischer Grenzen zu bleiben, benutzt unser Gehirn einen Mechanismus, um unsere Gedanken zu verwalten. Es hält seine Nervenlandschaft innerhalb der Grenzen, indem es nach Unterschieden zwischen dem Erwarteten und dem Tatsächlichen sucht. Dieser Vorgang ist auch eng mit unserer Amygdala, dem Furchtzentrum im Gehirn, verbunden, wir verspüren also echtes physiologisches Unbehagen und mentale Energie wird von unserem intellektuellen Denkzentrum abgezweigt. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir Veränderung meiden.

Der Betriebswirtschaftliche Kopf rationalisiert dies oft, indem er an der Philosophie „was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren“ festhält. Der Nachteil dieser Denkweise ist, dass sie uns davon abhält, über Alternativen nachzudenken, bis es zu spät ist. Der Untergang vieler Betriebe ist auf ihre „Blindheit“ gegenüber einem sich ständig ändernden Geschäftsumfeldes zurückzuführen. 69 % der größten und umsatzstärksten Unternehmen Großbritanniens, welche im FTSE 100, dem wichtigsten britischen Aktienindex, gelistet werden, wurden seit 1984 entweder übernommen, sie sind in Konkurs gegangen, oder sie sind auf den zweiten Rang gerutscht.

Der Kreative Kopf sucht aktiv nach Veränderung und benutzt Strategien um das Abwehrsystem des Gehirns auszutricksen. Eine Herangehensweise um eine Veränderung zu ermöglichen ist, lebhafte Geschichten zu erzählen, welche einen emotionalen Eindruck hinterlassen. Havard Business School Professor John Kotter unterstützt diese Vorgehensweise, und schlussfolgert nach einer genauen Studie, dass eine Verhaltensveränderung am Besten funktioniert, indem man sich die Emotionen der Menschen zunutze macht.

Emotionen sitzen in einem älteren Teil des Gehirns, dem limbisches System (das auch das Furcht- und Angstzentrum beinhaltet), neben dem neueren Neocortex, wo das intellektuelle Denken stattfindet. Die „tiefere“ Eintragungsstelle von Überzeugungen scheint den Einfluss des Abwehrsystems des Gehirns zu vermindern und hilft dabei, Veränderung geschehen zu lassen. Betriebswirtschaftliche Köpfe haben Schwierigkeiten mit den sanfteren Fähigkeiten von emotionaler Überzeugung, und halten an der Logik fest.

Kreative Köpfe schätzen ihr Denken regelmäßig neu ein, und stellen fortwährend „dumme“ Fragen; Eigenschaften die organisatorischen Neulingen nur ungern gestattet werden. Sie sehen mittels Szenario-Planungen in die Zukunft, und machen sich auch die negative Kritik der Selbstgespräche ihres Denksystems (beim Einsatz von Techniken wie umgekehrtem Brainstorming) zunutze.

2. Negatives Denken

(Betriebswirtschaftliche Köpfe denken negativ, Kreative Köpfe positiv)

Versuche diese kleine Übung. Notiere dir in zwei Minuten so viele Wörter wie möglich, die Emotionen ausdrücken. Lies nicht weiter, bring nur diese Wörter zu Papier. Jetzt ordne sie einer der folgenden Gruppen zu: positiv, neutral oder negativ.

Robert Schrauf, Professor für angewandte Sprachen an der Penn State University, kam zu folgendem Ergebnis: 50 % negativ, 30 % positiv und 20 % neutral. Wie hast du abgeschnitten?

Warum scheint es einfacher zu sein, negativ als positiv zu denken? Psychologen denken, dass es eine Auswirkung der Evolution ist. Als wir in Höhlen lebten, mussten wir auf Aktionen wie kämpfen oder fliehen vorbereitet sein (Fredrickson 2000). Unser mentaler Normalzustand war beschränkt und fokussiert auf negative Emotionen wie Angst und Zorn, die für das Überleben benötigt wurden. Als wir uns dann entwickelten und uns dem Schaffen und Bauen von Ressourcen zuwandten, „weitete“ sich unser Denken, und erlaubte den positiven Emotionen, sich zu entwickeln (Gazzaniga 1988).

Zum Thema:  Kreativitätstechniken Teil 1 - Brainstroming

Dieser geistige Normalzustand dominiert auch heute noch über unseren Betriebswirtschaftlichen Kopf. Der Kreative Kopf jedoch funktioniert nur, wenn die Menschen Breite anstatt Begrenztheit suchen und positiv anstatt negativ sind. Deshalb müssen wir daran festhalten, unser Urteil bewusst zu unterdrücken, bevor wir beginnen Ideen zu entwickeln. Andernfalls werden all unsere Ideen sofort im Keim erstickt, bevor sie das Licht der Welt erblicken.

Im selben Sinne liebt unser betriebswirtschaftlicher Kopf es, negativ zu sprechen. Präsentiere deinem Boss eine Idee und er wird möglicherweise sagen: „Nicht Schlecht.“ Es scheint, als wären wir dazu beschaffen, in Defiziten zu sprechen, indem wir beschreiben was fehlt, was ausgegrenzt ist, was nicht stimmt, was nicht da ist. Wir beschreiben Dinge, ob gut oder schlecht, oft indem wir zum Ausdruck bringen, was diese Erfahrungen nicht sind. Die negative Sprache versetzt uns unterbewusst in einen negativen Zustand.

3. Wahrnehmung

(Betriebswirtschaftlicher Kopf denkt schnell, Kreativer Kopf denkt langsam)

„Die Formulierung eines Problems ist oft wichtiger als seine Lösung.“ Albert Einstein

Wahrnehmung heißt, Sinn in das zu bringen, was dort draußen ist. Aber unsere Wahrnehmung geht über die gegebene Information hinaus; sie muss Dinge „erfinden“. Der deutsche Physiologe des 19. Jahrhunderts Hermann von Helmholtz nannte diesen Vorgang automatische „unbewusste Schlüsse“. Sie sind der Grund dafür, dass wir uns von optischen Illusionen täuschen lassen. Dieselben Regeln beeinflussen auch unsere Art, über Probleme zu denken.

Betriebswirtschaftliche Köpfe glauben an die schnelle Feststellung von Problemen mit einem ungeduldigen Drang für sofortige Lösungen. Sie begreifen die Tricks, die ihre Wahrnehmung ihrem Problemverständnis spielt, nicht. Unterbewusst erfinden wir manche Dinge und lassen andere aus, wobei wir versteckte, „fest verdrahtete“, mentale Regeln anwenden. Wenn das Problem aber nicht richtig erkannt wird, werden alle Lösungsansätze umsonst sein.

Kreative Köpfe gehen langsamer vor. Sie nehmen sich Zeit, um das Problem anders auszudrücken. Die Wörter des festgestellten Problems einfach herumzudrehen und zu verändern, hilft die Grenzen der Wahrnehmung zu überwinden. Wahrnehmung ist in Bereiche gegliedert – eine Art geistige Struktur, die unsere Art, Probleme zu erkennen, formt. Die Formulierung des Problems zu ändern, kann die komplette Sichtweise gegenüber diesem Problem verändern. Anstatt zu sagen: „Wie können wir Personalfluktuation reduzieren?“, sag „wie können wir Personal engagieren, das uns nicht wieder verlassen will?“, so wird eine neue Perspektive für eine andere Lösung erschaffen.

4. Annahmen

(Betriebswirtschaftlicher Kopf betrachtet die Dinge als selbstverständlich, Kreativer Kopf zweifelt)

Der Betriebswirtschaftliche Kopf benutzt für schnelles Denken Annahmen. Sie reduzieren die Menge an Informationen, die überdacht werden müssen, wenn man ein Problem anpackt. Ohne Annahmen wäre dein Betriebswirtschaftlicher Kopf völlig überfordert. Aber wie auch bei der Wahrnehmung zweifelt dein Kreativer Kopf und weiß, dass falsche Annahmen dich auf einen mentalen Pfad führen können, der dich an einer innovativen, neuen Lösung für dein Problem herumführt. Ist die Annahme erst einmal enthüllt und durchbrochen, folgt der „Ah-ha, Heureka!“ Moment, wenn uns eine Lösung einfach zufliegt. Annahmen zu enthüllen ist zeitaufwändig, da der Prozess Annahmen zu machen, wie bei der Wahrnehmung, tief in unserem Denkprogramm verankert ist.

Setz deinen Kreativen Kopf auf und nimm dir die Zeit, Annahmen aufzulisten, und diese zu durchbrechen um zu sehen, was es bringt. Betrachte nichts als selbstverständlich.

5. Komplexität

(Betriebswirtschaftlicher Kopf verkompliziert, Kreativer Kopf vereinfacht)

Betriebswirtschaftliche Köpfe neigen zu komplizierter Sprache und komplexen Konzepten. Professor Alex Bavelas fand in einer Studie heraus, dass „falsche“ komplexe Erklärungen als überzeugender bewertet wurden, als einfachere „richtige“ Erklärungen. Es scheint, dass „smart talk“, also schlaues Reden, beliebter ist als Schlichtheit. Das Problem ist, dass unser Betriebswirtschaftlicher Kopf mit der Komplexität, die er selbst schafft, indem er oft Schichten und Metaphern übereinander aufträgt, für gewöhnlich nicht fertig werden kann.

„Das Wesen einer Organisation ist wie eine Dose Würmer“ ist kein gutes Ausgangsstatement, um organisatorische Probleme zu lösen. Wenn die Probleme massiv und chaotisch sind, blockiert der Betriebswirtschaftliche Kopf und bewegt sich im Kreis, und die Vielzahl von Problemen darin mit ihm.

Kreative Köpfe entwirren komplexe Probleme und separieren sie in ihre einzelnen Teile, bevor sie nach Lösungen suchen. Sie schaffen Unkompliziertheit durch die Benutzung zweier einfacher Sätze: „Warum?“ und „Was hält uns davon ab?“. Herausforderungen werden systematisch in eine Hierarchie von in Wechselbeziehung stehenden Problemen zersplittert, bevor nach einer Lösung gesucht wird.

Fazit: Wer heute in der Geschäftswelt überleben will, muss beides aufsetzen; den betriebswirtschaftlichen und den kreativen Kopf!

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