Dein neues Buch „Die Orbit-Organisation“, das du wieder mit Anne Schüller zusammen geschrieben hast, ist in aller Munde. Es wurde sogar Finalist beim International Book Award. Was ist die Kernbotschaft des Buchs?

Im Kern ist das Wettrennen zwischen herkömmlichen Unternehmen und den neuen Top-Playern der Wirtschaft keins um die bessere Idee, sondern eins um das bessere Organisationsmodell. Während sich nämlich draußen alles vernetzt, agieren klassische Organisationen noch immer hierarchiebasiert und in „Silos“. Aufgaben werden entlang von internen Berichtslinien organisiert. Solch bremsende und veränderungsresistente Strukturen kann sich aber kein einziger Anbieter noch länger leisten. Denn je schwerfälliger eine Organisation, desto anfälliger ist sie für Überholmanöver.

Für die „Next Economy“, in der sich menschliche und künstliche Intelligenzen miteinander verbinden, wird eine „Next Organisation“ gebraucht. Hierfür haben wir das Orbit-Modell entwickelt. Im Rahmen von neun Aktionsfeldern propagiert es den Übergang von einer aus der Zeit gefallenen pyramidalen zu einer zirkulären, sich ständig weiterentwickelnden zukunftsfitten Organisation. Sie ist nicht nur geprägt von einem hohen Digitalisierungsgrad und einer Kultur des ständigen Wandels, sondern auch von Kollaboration und Wertschöpfungsnetzen.

Und was verbirgt sich hinter den neun Aktionsfeldern?

Unternehmen, die die Zukunft erreichen wollen, brauchen einem „Purpose“ im Kern, der ökonomische, ökologische und soziale Aspekte miteinander verbindet. Und sie brauchen eine Kultur, die die Kunden systematisch in den Mittelpunkt stellt. Denn Kundenzentrierung wird zur Nummer eins der künftigen Unternehmensaufgaben.

Wer also durchstarten will, benötigt nicht nur neue Führungskonzepte und agile Strukturen. Er muss sich auch radikal auf die Seite des Kunden schlagen. So ist das Orbit-Modell das erste Organisationsmodell überhaupt, das den Kunden tatsächlich in den Mittelpunkt stellt – und dies auch optisch sichtbar macht.

Es ist zudem das erste Modell, das die zunehmend notwendigen Brückenbauer-Funktionen gezielt integriert. Sie sorgen für ein nahtloses Zusammenspiel zwischen drinnen und draußen sowie zwischen Mensch und Denkmaschine. Sie helfen zudem, Innovationsprojekte miteinander zu verbinden und neuartige Partnerschaften zwischen Alt- und Jungunternehmen zusammenzukoppeln. Wie das alles ganz genau funktioniert, wird im Buch Schritt für Schritt dargelegt.

Die Digitalisierung spielt in eurem Buch eine wichtige Rolle. Unser Leben und Arbeiten ist ohne digitale Werkzeuge ja auch gar nicht mehr möglich. Sind wir ihre Gefangenen oder wird dieser Trend abnehmen?

Jede Gesellschaft, die den Luxus hat, sich dieser Frage zu widmen, steht vor einem Dilemma zwischen zwei scheinbar gegensätzlichen Haltungen:

  • Haltung 1: Wir sind am Höhepunkt der Innovation angekommen. Weitere Innovationen erscheinen undenkbar oder unethisch. Sie bewirken mehr Schaden als Nutzen.
  • Haltung 2: Wir antizipieren weitere Science-Fiction-Szenarien, die zunächst völlig absurd aussehen, aber noch mehr Optimierungspotenzial für den Menschen bergen.

Die beiden Haltungen schließen einander nicht aus. Sie liegen vielmehr auf den entgegengesetzten Polen einer Skala. Ich bin stets neugierig, wo eine Person oder Gesellschaft sich auf dieser Skala befindet.

Meiner Meinung nach vergessen wir dabei viel zu oft das Gesamtbild. Der Fortschritt lässt sich nicht am Fortschreiten hindern. Die Geschichte liefert uns genügend Beispiele dafür, dass der Mensch auf unbestimmte Zeit immer weiter innovieren wird. Denn mit neuen Möglichkeiten gehen immer auch neue Wünsche einher. Diese lösen weiteren Einfallsreichtum und damit neue Begehrlichkeiten aus.

Im deutschsprachigen Raum scheint die Digitalisierung langsamer voranzukommen als in anderen Regionen der Welt. Was sind mögliche Probleme und wie können wir diese Lücke schließen?

Jede Innovation beginnt im Kopf. Die deutsche Wirtschaftsgeschichte steckt voller Beispiele, bei denen uns Einfallsreichtum und Ingenieurskunst in die Pole-Position brachte, nur um dann durch Zweifel und umständliche Prozesse aufgehalten zu werden. Andere haben es aufgegriffen und monetarisiert. Diejenigen nämlich, die von Beginn an aufgeschlossen waren.

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Keine Frage, niemand mit Blockadehaltung handelt in böswilliger Absicht. Doch es muss uns bewusst sein, dass fehlender Mut und anhaltender Widerstand gegen echte Neuerungen der Wettbewerbsfähigkeit schaden.

Zum Beispiel brachte Volkswagen 2019 sein “Auto der Zukunft” ID3 heraus. Leider ist das Auto überhaupt keine exponentielle Innovation. Es ist ein traditionelles Auto mit einem Elektromotor. Regelmäßig anfallende Verbesserungen erfordern immer noch eine Autowerkstatt.

Tesla Motors hingegen hat uns gezeigt, wie eine Disruption der Automobilindustrie wirklich aussieht. Tesla hat eine digitale Plattform aufgebaut, auf der wichtige Verbesserungen mittels digitaler Updates über das Internet durchgeführt werden. Das Ergebnis: Der Bedarf nach Autowerkstätten sinkt drastisch. Die Unabhängigkeit von einem komplexen Stakeholder-Netzwerk macht Tesla Motors zu einem weitaus flexibleren Player.

Diese Beispiele zeigen, dass die hiesige Industrie ihre Traditionen immer noch liebt. Zukunftssicher macht uns das nicht. Besser früher als später müssen wir anfangen, uns von unseren “Schätzen” zu trennen und uns echten, transformativen Veränderungen verschreiben. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil für die Zukunft ist Flexibilität.

Was könnte der nächste große Schritt in der Digitalisierung nach Smart Devices, KI und Augmented Reality sein?

Niemand kennt die Zukunft. Deshalb können wir auch sogenannten Futuristen nicht trauen. Die Vorhersagen vieler “Experten” entpuppten sich in der Vergangenheit als dramatische Fehler, die die Unternehmen viel Geld gekostet haben.

Andere Vorhersagen haben den Mainstream nie erreicht – und nicht Vorhergesagtes traf uns völlig unvorbereitet. So schlage ich vor, einen kühlen Kopf zu behalten und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken:

  1. Optimistisch sein: Nicht alles in der Zukunft wird großartig sein, aber das Gute wird das Schlechte übersteigen.
  2. Sich der Unsicherheit stellen: Akzeptieren wir die Tatsache, dass jeder von uns für den Rest seines Lebens ein Neuling sein wird.
  3. An der eigenen Fähigkeit arbeiten, das Wichtige vom Lärm zu trennen. Dann entscheidet man selbst, ohne sich auf unklare Vorhersagen stützen zu müssen.

Die neue Welt und der dramatische Wandel fordern von uns die Fähigkeit, konstant zu überdenken, was wir als “normal”, “üblich” und “akzeptabel” betrachten. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass die Risiken der Abwehrhaltung (wenn wir sie nur messen könnten) weitaus größer sind als die Risiken durch Digitalisierung.

Das Buch zum Thema

Anne M. Schüller, Alex T. Steffen
Die Orbit-Organisation
In 9 Schritten zum Unternehmensmodell
für die digitale Zukunft
Gabal Verlag 2019, 312 Seiten, 34,90 Euro
ISBN: 978-3869368993
Finalist beim International Book Award

Über Alex T. Steffen

Alex ist Digital-Stratege für DAX-Konzerne und Mittelstand. Er ist ein internationaler Keynote-Speaker zu den Themen Organisationsentwicklung und Innovation.

Sein Ziel: Unternehmen robuster und fit für die Zukunft machen. Alex wurde von Change X zum Management Vordenker 2019 ernannt. Seine Keynote „Der Atlas der Innovation“ ist ein internationaler Hit.

 

Image by Gerd Altmann from Pixabay

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