Leider fehlt es in analogen Unternehmen oft an jungen, digitalen Talenten, weil diese dort nicht arbeiten wollen. Sie betätigen sich lieber in Startups und Jungunternehmen. Oder sie werden als Freelancer aktiv. Warum das so ist, erklärt Alex T. Steffen, Jahrgang 1990 und Mitautor des Buches „Fit für die Next Economy“ in diesem Beitrag.

Wer eine bewegliche Unternehmenskultur schafft, der kann talentierte Millennials für sich gewinnen. Dort, wo es stattdessen verkrustete Hierarchiestrukturen gibt, wird riskiert, dass die besten jungen Mitarbeiter uninteressiert sind. Young High Potentials sind nicht darauf angewiesen, sich auf eine vorgegebene Arbeitsweise einzulassen.

Entweder, wir suchen uns einen Arbeitgeber, der unseren Vorstellungen gerecht wird, oder wir wechseln zu denjenigen, die unsere Werte teilen: Millennial-Unternehmer. Damit bleibt die Old Economy dann ganz außen vor. Oder aber wir umgehen die alten Strukturen, indem wir uns als Freelancer verdingen, auch über Ländergrenzen hinweg.

Freelancer lieben es selbstbestimmt

Freelancer schätzen Unabhängigkeit. Sie brauchen keinen Status. Sie arbeiten nicht nur selbstwirksam, sondern auch selbstbestimmt. Ihre Arbeit wünschen sie sich abwechslungsreich, ausgefüllt und weitgehend nach eigenen Regeln strukturiert. Zukunftsunsicherheit und eine hohe Volatilität beim Einkommen werden dafür bewusst in Kauf genommen. Auch Selbstausbeutung ist eine Gefahr.

Andererseits ist die Selbständigkeit ein idealer Zufluchtsort, um sich auf inhaltliche Brillanz zu konzentrieren und dem unfruchtbaren Machtgedöns in klassischen Organisationen aus dem Weg zu gehen. Freelancer können ihr Talent zu 100 Prozent auf die Straße bringen. Wir finden sie vor allem in der IT-, der Medien- und der Digitalwirtschaft wie auch in der Software-Entwicklung und im Online-Business.

Aaron: ein Beispiel von vielen

Zum Beispiel kennt sich mein Freund Aaron aus Sydney bestens mit digitalen Geräten aus. Er dreht exzellente Werbe- und Feature-Videos. Die Nachbearbeitung macht er mit links. Obendrein besitzt er eine Drohne, die atemberaubende Filme macht, und das auch für Virtual-Reality-Applikationen. Seine Fähigkeiten sind für die heutige Marketingwelt ideal.

Schnell, kundenorientiert und interaktiv produziert und vermarktet er Inhalte für Reise-, Mode- und Gourmetmarken in Australien und Europa. Er hat festgestellt, dass die traditionelle Arbeitsweise ihn eher an seiner Kreativität hindert, anstatt ihn zu beflügeln. Sätze wie “…weil der Chef das so will…” musste er noch niemals sagen. Angestellt in einem etablierten Unternehmen müsste er sich ständig anpassen, indem er seinen Elan zurückfährt und seine Fantasie zügelt.

Und er müsste sich zeitlich an einem veralteten Organisationsapparat orientieren. Wie viele Kreative arbeitet Aaron aber gern nachts. Man stelle sich vor, sein Arbeitgeber würde ihm etwas von Kernarbeitszeit erzählen. Als Freelancer kann Aaron für Agenturen, Unternehmen und Privatperson arbeiten, wann und wo er will.

Freigeister und wertvolle Digitaloptimierer

Scharen von kreativen Millennials wie Aaron wählen nicht die Sicherheit. Sie wählen die Selbstbestimmtheit. Und sie gewinnen. Deshalb ist das Freelancer-Modell auf dem aufsteigenden Ast. Gleichzeitig wächst mit Coworking-Spaces und SaaS-Plattformen (Software als Service) die Infrastruktur, die solch flexibles Arbeiten erst so richtig ermöglicht.

So wird der Karriereweg Freelancer zunehmend zur Konkurrenz im Arbeitgeberkampf um die digitalen Überflieger. Für immer mehr Unternehmen ist die Zusammenarbeit mit Freelancern allerdings auch hochinteressant. Als Freigeister und Digitaloptimierer tragen sie maßgeblich zur Zukunftsfähigkeit klassischer Organisationen bei.

Woher der Begriff ursprünglich stammt? Er geht auf das Wort Lanzer zurück, der Profi an der Lanze, der sich bei dem am besten zahlenden Feldherrn verdingt.

Was bei der Freelancer-Suche zu beachten ist

Was Unternehmen bei der Auswahl beachten müssen? In unserer globalen Welt findet man Angebote von überall her, in jedem Preissegment und in jeder Qualität. Wie also entscheiden Sie sich, wenn Sie eine solche Dienstleistung suchen?

Oft hört man, Freelancer im Westen seien überteuert und bei Freelancern aus Schwellenländern sei die Qualität mies. Diese Verallgemeinerung mag vereinzelt richtig sein. Doch wie überall gibt es Dienstleister mit weniger Anspruch und solche mit mehr.

Zudem entstehen auf diesem Markt sehr interessante Bewertungsverfahren, die auch der innerbetrieblichen Mitarbeiterevaluierung als Vorlage dienen können: Sterne, Punkte, Siegel und Rankings für erfolgreich durchgeführte Projekte. Der Aufbau einer exzellenten Reputation ist ein unabdingbares Kernelement, um als Freelancer erfolgreich zu sein. Sie wird zur neuen Business-Währung.

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Der Auswahlprozess im Freelancer-Recruiting

Man sollte das Recruiting von Freelancern genauso ernst nehmen wie das von Festangestellten. Denn wenn die Passung stimmt, haben Sie eine wirklich wertvolle Ressource für lange Zeit. So ging es mir mit John. Nach wiederholten enttäuschenden Erfahrungen mit Freelancern entschied ich mich, einen strukturierten Auswahlprozess zu entwerfen. Stufenweise tastete ich mich so an meinen Wunschkandidaten heran.

Zunächst erstellte ich eine Ausschreibung auf einer Online-Plattform für Freelancer. Dann nahm ich Kandidaten anhand ihres Angebots in die engere Auswahl. Ich studierte ihr Portfolio und filterte weitere Kandidaten aus. Darauf folgte ein persönliches Skype-Gespräch. Zwei Kandidaten, die mich überzeugten, ließ ich eine bezahlte Probearbeit machen. Anhand des Resultats entschied ich mich für John aus Nordengland.

Diese Entscheidung habe ich nie bereut. John zeigt eine sehr große Hingabe an seine Arbeit und ist nie gierig geworden. Eine hohe Freelancer-Loyalität erreicht man unter anderem dann, wenn man nach einer guten Leistung eine unerwartete Bonuszahlung ausschütten oder ein persönliches Geschenk versenden kann. Kleiner Tipp: Achten sie dabei auf kulturelle Unterschiede und branchenübliche Gepflogenheiten.

Die große Freiheit der digitalen Nomaden

Genau wie Aaron und John gibt es unzählige Millennials, die ihr Leben als Freelancer nutzen, um wirkliche Mobilität zu leben. Sie ermöglichen sich den Traum, die Welt zu bereisen, schon jetzt. Das im Alter zu tun ist eine dürftige Aussicht. Mit körperlichen Beeinträchtigungen Schwellenländer zu erkunden, klingt wenig nach einem Traum.

Stattdessen kombinieren sie die Freelance-Arbeit, die sie von überall aus erledigen können, mit einer temporären Residenz an jedem erdenklichen Ort der Erde. Nur die Internet-Infrastruktur muss existieren. Sie nennen sich digitale Nomaden – und manchmal auch Life Hacker, was in diesem Fall positiv ist. Sie demonstrieren wie keine andere Spezies die Stärken der Millennials in Bezug auf Konnektivität, Kollaboration, Flexibilität, Erlebnisdrang, Work-Life-Blending und Lernbereitschaft.

Um sie herum ist in kürzester Zeit eine komplette Industrie entstanden. Sie vernetzen sich untereinander auf digitalen Plattformen wie Nomadlist und organisieren Coliving-Spaces, Coworking-Camps und Nomad-Reisen. Die Grenzen zu anderen Lifestyle-Zirkeln wie Yoga-Retreats, Musikfestivals und Surf-Camps verschwimmen und stärken diese Gemeinschaft. Rückkehr in ein gefestigtes Arbeitsverhältnis? Zu groß sind die Einschränkungen dort und zu attraktiv sind die Vorteile des nomadischen Lebens.

Lifestyle und Flexibilität stehen im Vordergrund

Digitale Nomaden arbeiten selbständig und gleichzeitig vernetzt. Der Lifestyle und die Flexibilität stehen im Vordergrund. Wie lange ein solches Leben möglich ist, das sei dahingestellt. Denn, ja natürlich, Familie, Sesshaftigkeit und Altersvorsorge sind irgendwann dran. Doch bis dahin sind es noch mehrere Jahre. Die wollen Freelancer mit bereichernden Aktivitäten verbringen, anstatt sich zwangsweise anzupassen.

“Reue-Prävention” könnte man das auch nennen. Wenn man nämlich den Umfragen unter sehr alten Menschen lauscht, dann sagen die meisten bedauernd, sie hätten nicht genügend „gelebt“. Es gibt übrigens inzwischen genug junge Firmen, die genau das verstehen und Digital Natives interessante Alternativen bieten: Karrieren mit Auszeit für Abenteuer. So wünschen sich viele junge Talente ihre berufliche Zukunft.

Das Buch zum Thema

Anne M. Schüller, Alex T. Steffen
Fit für die Next Economy
Zukunftsfähig mit den Digital Natives
Wiley Verlag 2017, 272 Seiten, 19,99 €
ISBN: 978-3527509119

 

Die Autoren

Alex T. Steffen (Jahrgang 1990) ist Unternehmensberater mit Fokus Innovation und Digitale Transformation. Zuvor war er Angestellter in analogen Unternehmen und digitalen Startups. Daher kennt er in Bezug auf die Arbeitswelt beide Seiten. Er hat einen Bachelor of Science in International Business. Durch seine Keynotes und Workshops hilft er Unternehmen dabei, in Zeiten des Wandels agiler und robuster zu werden.

Kontakt: www.alextsteffen.com

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als Europas führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmenstransformation. Sie zählt zu den gefragtesten Rednern im deutschsprachigen Raum. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft.

Kontakt: www.anneschueller.de
Titelbild Pexels @ picjumbo.com

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