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Wenn wir einmal einen total strukturierten Blick auf unser soziales Umfeld werfen, könnten wir sagen, dass wir alle als winzig kleine Zellen in einem riesigen Körper leben: unsere Gesellschaft.

Wir haben Regeln im Umgang mit ihr, Regeln die wir schon sehr früh lernen. Die gesamte Struktur wird von einem unsichtbaren jedoch machtvollen Regelnetz aufrechterhalten, bezüglich wann, wie und warum wir miteinander interagieren. Kurz gesagt: die Regeln der Beziehungen.

Ich glaube, die ersten Regeln über Beziehungen im realen Leben lernen wir so etwa im Alter von 3 – 5 Jahren. Danach kennen wir zumindest die Basis von Aktion und Reaktion, um uns in die Gesellschaft eingliedern zu können. Dann kommt es natürlich in der Schule, im Beruf und anderen Organisationen zum sozialen Zusammenspiel. Das Grundlegende lernen wir jedoch schon in sehr jungen Jahren, und so handeln wir fast schon unbewusst, wenn es zu Beziehungen im realen Leben kommt.

In den letzten 10 Jahren bildete sich jedoch eine andere Art der Beziehung (zusätzlich zu der traditionellen Art). Eine Beziehungsform, die durch die Onlinerevolution entstand. Nun haben die meisten unserer Beziehungen zu anderen Menschen auch eine starke Onlinekomponente. Entweder wir treffen jemanden online, oder wir treten mit jemandem nur online in Kontakt, Fakt ist, dass sich bei immer mehr Menschen ein großer Teil der Beziehungen sich nun über das World Wide Web abspielt.

Mein Herantasten an das, was wir „Social Networking“ nennen, kam nur langsam in Gang. Auch wenn ich anfangs sehr enthusiastisch gegenüber allen wichtigen Social Networking Einrichtungen wie Xing oder Facebook war, so fehlten mir dennoch die nötige Zeit und die Neugier, um mich näher damit zu beschäftigen. Erst 2007 fing ich damit an, wirklich in dieses Web 2.0 einzutauchen.

Was ich dort erlebt habe, überraschte mich sehr. In diesem Artikel werde ich mit euch meine Erfahrungen zu sozialem Netzwerken und Beziehungen im realen Leben teilen.

Beständigkeit

Das erste, was mir auffiel, war der höhere Grad an Beständigkeit, der beim Social Networking benötigt wird. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, musst du strikt bei deiner Identität und deiner Aussage bleiben. Wenn du dich als Blogger präsentierst, dann solltest du auch bei dieser Identität bleiben. Wenn du dich dazu entscheidest, ein Umweltaktivist zu sein, dann bleib auch dabei.

Wenn du dich nicht immer wieder bemerkbar machst, dann wird deine Identität keinen Eindruck hinterlassen. Das einzige, wodurch man dich kennt, ist das, was du sagst und tust. Es wird auch das beeinflussen, was andere über dich sagen, aber der ausschlaggebende Funke bist immer du. Wenn du auch nur ein bisschen vom Kurs abweichst, wird es deine Identität verzerren. Brutal, nicht wahr? Aber so ist das www. Viele wollen es nur nicht glauben…

Im echten Leben musst du das nicht tun. Wenn du deinen Wandel richtig darstellst, werden die Leute über dich Bescheid wissen. Wenn du z. B. deinen Job wechselst, und es allen deinen Freunden mitteilst, dann wissen sie, dass du jetzt etwas anderes tust, aber immer noch du selbst bist. Du verlierst deine Identität nicht, nur weil du deine Aussage änderst. Die Regeln des realen Lebens sind stark genug, um eine solide Identität zu bewahren.

Social Networking ist immer noch ein sehr zerbrechliches Medium, die Regeln sind noch nicht so weit ausgebaut. Deswegen weist das Medium noch viele verwundbare Schwachstellen auf. An einem Ort mit laschen Regeln musst du der starke Faktor sein und deine Identität bestärken, bis du das geschaffen hast, was du willst.

Aktionen setzen anstatt abzuwarten

Social Networking ist das Land des freien Kontakteknüpfens. Du kannst ansprechen wen immer du willst und wirst meist auch eine Antworten erhalten … meistens aber nur dann, wenn du zuerst auf eine interessante Art mit ihm/ihr in Kontakt trittst. Kreativität und Originalität sind die Joker beim Netzwerken. Das witzige dabei: du musst nicht höflich sein, aber manchmal hilft es.

Dadurch, dass soziale Netzwerke so flexible sind, sind sie ein guter Verstärker für deine Botschaft (solang du sie früh genug in Umlauf bringst). Wenn du auf das Okay eines anderen wartest, wirst du aber hier nicht weit kommen. Genau genommen wirst du in der Welt der Online-Kommunikation gar nirgends hinkommen, wenn du erst auf eine Antwort wartest. Also: Wenn du etwas zu sagen hast, dann geh und sag es laut … man wird dich hören(oder besser gesagt: lesen).

Stell dir vor, wie es im echten Leben wäre. Auf jemanden auf der Straße zuzugehen und nach einem Linux Tipp fragen. Oder aus heiterem Himmel mit 2 Fremden mit so dubiosen Namen wie „Peitschenteufell66″ und „Orgasmusfee“ eine Konversation über Sex zu starten. Du wirst damit einige ernsthafte Regeln brechen, und ich rede nicht von Regeln der Höflichkeit.

Im realen Leben ist Proaktivität nicht der beste Weg, um auf Menschen zuzugehen. Hält man sich an die Regeln, ist man auf der sicheren Seite. Unsere Gesellschaft hat schon strikte Regeln zu diesem Thema gemacht. Natürlich kannst du dich ihnen widersetzen und Leute mitten auf der Straße anschreien, aber außer der kurzen Beachtung und Verwunderung, die sie dir schenken werden, wirst du nichts bekommen. Ernstgemeinte Antworten wird dir wohl keiner von ihnen geben.

Ausdauer

Bei sozialen Netzwerken brauchst du mehr Ausdauer als im realen Leben, ansonsten wird deine Anwesenheit in Vergessenheit geraten. Beständigkeit kommt durch das senden stimmiger Botschaften, wichtig ist aber auch, wie viele du davon versendest.

Im realen Leben reicht eine minimale Anzahl an Aktivitäten um sicherzustellen, dass deine Anwesenheit durch die alteingesessenen Regeln der Gesellschaft in die Welt getragen wird. Du bist Schriftsteller, Lehrer, Verkäufer. Deine Identität wird durch deine Anwesenheit kundgetan. Und manchmal auch durch das, was andere über dich sagen.

Doch wie bereits angedeutet ist das schönste: Im realen Leben musst du dich nicht jedes Mal von neuem bemerkbar machen. Bei sozialen Netzwerken wirst du es nicht so schnell schaffen eine so einfach wiedererkennbare Identität zu schaffen, dass du dich nicht immer und immer wieder bemerkbar machen müsstest.

Zum Thema:  Mitteilungssüchtige aufgepasst! Here is the Social Media Guard

Wenn du also nicht einfach irgendjemand im großen Reich der sozialen Netzwerke sein möchtest, bereite dich schon mal darauf vor, sogar härter daran zu arbeiten als an realen Beziehungen im echten Leben.

Erreichbarkeit

Die traditionellen Ansichten zum Thema Privatsphäre werden beim Social Networking neu definiert. Deine sogenannte „statische Anwesenheit“ besteht in der digitalen Welt rund um die Uhr. 24 Stunden, 7 Tage die Woche, usw. Du bist dauerpräsent, und dass ist nur am Anfang reizvoll. Wenn du im realen Leben in einer emotionalen Reaktion, etwas gehässiges über einen Menschen sagst, dann werden das vielleicht nur eine handvoll Menschen hören und du kannst es auch gleich wieder zurücknehmen, wenn es dir leid tut. Auf Facebook geht das nicht mehr. All deine Statusnachrichten, Bemerkungen und Profile bei sozialen Netzwerken werden in diesem Moment von zig deiner 500 sogenannten „Freunde“ gelesen. Es ist so, als würde dich eine riesige Menschenmasse durch die Fenster in deinem eigenen Haus beobachten. Sie sehen dich, auch wenn du sie nicht siehst. Und das was passiert ist, wäre in diesem Fall, als würde jemand das Bild anhalten, so dass alle es sehen können. Doch nun kannst du es nicht mehr zurücknehmen, denn die Facebookgemeinde ist gnadenlos. Deine emotionale Reaktion wird zum Thema. Nicht mehr zurückziehbar und im realen Leben kann es ungeahnte Schäden anrichten (wie ihr in den Nachrichten vielleicht verfolgt hat, hat dies im schlimmsten Fall schon bis zum Selbstmord geführt).

Doch machen wir weiter beim Thema Erreichbarkeit. Im echten Leben kannst du keine neuen Kontakte knüpfen, während du in deinem Bett schläfst, es ist einfach nicht möglich. Noch am ehesten wenn du ein Schlafwandler wärst, aber dann könntest du dich am nächsten Morgen auch an nichts mehr erinnern. Deine Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen, sind auf die Zeit beschränkt, die du damit verbringst, dich in der Gesellschaft zu bewegen.

In deinem digitalen „Leben“ bist du immer erreichbar. Es gibt zwei Grade der Erreichbarkeit: deine statische Anwesenheit (durch dein Profil) und deine interaktive Anwesenheit (Konversationen und Interaktionen mit anderen). Die statische Anwesenheit kannst du nicht kontrollieren und ist unbegrenzt, die interaktive Anwesenheit kannst du kontrollieren und du kannst sie so ausweiten, so dass du die bestmöglichen Resultate erzielst. Viele Menschen verstehen das aber noch nicht. Sie meinen, wenn du ein Profil hast, und dir dort eine Nachricht hinterlassen, sei das so, als würden sie dir einen Zettel mit einer Botschaft auf den Küchentisch legen.

„Und genau das ist das Problem: die Menschen vermischen die sozialen Netzwerke mit den Regeln des normalen Lebens … und das kann einfach nicht funktionieren!“

Social Networking stellt dir die nötigen Werkzeuge zur Verfügung, um deine interaktive Anwesenheit auszuweiten (oder es zumindest vorzutäuschen). Du kannst deine Beiträge, Antworten und Konversationen sehr leicht automatisieren und manchmal ist das auch nötig. Trotzdem halten sich diese Dinge nicht an die gewohnten Gesetze unserer Kommunikation.

Wie oft habt ihr schon diese oder ähnliche Unterhaltung gehört:

Sie: Warum hast du dich nicht gemeldet?
Er: Ich dachte du rufst mich an.
Sie: Aber ich hab dir doch ein mail geschrieben?
Er: Nun, ich war das WE über bei einem Freund und hatte kein Internet.
Sie: Na toll, dann hast du ja auch meinen Facebook Eintrag nicht gelesen.
Er: Wie gesagt, kein Internet.
Sie: Naja, ob ich dir das abnehmen soll…

Furchtbar.  Wenn ich so etwas höre, gewinnt für mich die Aussage „jemand etwas ins Gesicht sagen“ mehr Gewichtung als jemals zuvor.

Regeln

In der realen Welt hast du mit strikten Regeln zu leben, aber es macht es dir auch leicht, dich bemerkbar zu machen (jedoch nur vor einem drastisch limitierten Publikum). Die Regeln für Beziehungen im echten Leben, Regeln die wir schon in unserer Kindheit gelernt haben, sind natürlich auch hin und wieder Hindernisse, die unsere Gesellschaft geschaffen hat, um sich selbst zu schützen.

Wenn du z.B. Leute einfach so beleidigst, wirst du irgendwie ausgestoßen. Die Gesellschaft beschützt sich.

An einem Medium mit nur vagen Regeln teilzunehmen, wie digitalen sozialen Netzwerken, erleichtert es dir, ein breites Publikum zu erreichen. Jedoch schränkt es deine Möglichkeiten ein, deiner Identität Ausdruck zu verleihen. Soziale Netzwerke gibt es noch nicht lange und es gibt nicht viele Regeln. Du kannst also im Prinzip deine eigenen Regeln schaffen. Das aber erschwert es dir, eine beständige Identität zu kreieren und aufrecht zu erhalten.

Das ist bei sozialen Netzwerken die größte Herausforderung. Aber wenn du dir erst einmal eine solide Identität aufgebaut hast, kann deine Botschaft an ein unlimitiertes Publikum vermittelt werden.

„Networking im realen Leben basiert auf Regeln. Social Networking basiert auf persönlichen Zielen, Taten und Reaktionen mit nur wenigen Regeln.“

Fazit

Nach 4 Jahren Facebook, Xing, und Co. ziehe ich mich immer mehr vom Social Networking zurück. Ich betreibe vielleicht noch hier und da etwas Marketing für hafawo, doch als private Person sind mir reale Beziehungen und reale Netzwerke lieber. Ich habe lieber 5 echte Freunde, als 400 Leiendarsteller und genieße es, bei einer Messeveranstaltung ein Glas Wein mit einem Geschäftspartner zu trinken, den ich gerade bei einer realen Podiumsdiskussion kennengelernt habe. Die Gesellschaft hat sich über Jahrtausende entwickelt und Regeln geformt die auf Erfahrung beruhen. Darum wird sie auch noch lange weiterbestehen … so wie Beziehungen und Bekanntschaften, die man im REALEN Leben knüpft.

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5 Kommentare

  1. In der heutigen Zeit ist „Social Network“ nicht mehr wegzudenken. Mann kommuniziert nicht mehr per Sms, Handy, E-mail, MMS, weis Gott was noch alles. Geschweige Privat. Social Network wie Facebook, Twitter, Xing, MSN, Google u.s.w. hatte nie was anderes vor als die Menschheit dazu zu bringen um Kommunikation per Web 2.0 abzuwickeln. Als Webdesigner muss Ich nur mit Social Network arbeiten. Eine neue Generation ist da und das ist mal so. Kommt mann nicht klar damit dann soll mann sich fern halten. Und das jeder einsicht auf deine Aktivitäten hatt, stimmt nicht.!!!! Mann muss sich halt auskennen.

    @Rita: Warum Facebook hasser?
    Weil du Wahrscheinlich bei Facebook kommunizierst, Spiele spielst, Neugierig über andere Leute bist. So wie alle hier die diesen Beitrag von Rainer lesen. Sonst würde dich dieser Beitrag nicht interessieren. Ist ja nicht nur Facebook gemeint.

    @Leo: genau meine Meinung.

    @Chucki: Total Plemm plemm ? Wie soll Social Network die Power einer realen Beziehung erreichen ??????

    lol, Facebook Twitter und co. hatt sowas schon erreicht. Viele Beziehungen werden geführt. z.b. Mann lebt in Amerika und Frau in Deutschland da wird Telefonieren, Smsn teuer.

    Wie gesagt, Facebook und co. hatt nieeeeee was anderes vor gehabt als die Menschheit dazu zu bringen um kontakte „aufrecht zu erhalten“ und es werden jeden Tag mehr.

  2. Typisch Facebook-Generation. Da schreibt mal jemand etwas kritisches über Social Networking (nicht einmal direkt über Facebook) und schon wird er als Hasser betitelt. Man (frau) sollte vielleicht mal über einen Text genau nachdenken, bevor man (frau) ihn kritisiert. Aber auch das ist eine Eigenschaft der neuen Online-Generation: „Kommentieren ohne groß darüber nachzudenken“

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