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Bildquellen: CC0 Public Domain pixabay.com/pexels.com/unsplash.com

Wieder mal ein super Artikel von unserem Freund Robert Gerlach. Diesmal nimmt er sich dem Thema Querdenker an. Er sagt: Querdenker sind innovativ aber unzuverlässig! Dies ergab eine IQudo Umfrage.

Querdenker sind en Vogue

Querdenker zu sein gilt heutzutage als schick. Jung, dynamisch und anders als die anderen. Porsche postuliert auf seiner Website nicht ohne stolz: „Porsche ist mehr. Viel mehr. Wir denken unabhängig. Weil wir keine Angst davor haben, ungewöhnliche Wege zu gehen!“ Eine ungewöhnliche und zu Porsche passende Idee wäre eine Kreuzung aus Gelände- und Sportwagen. Aber das gibt es schon, kommt aus Japan und heißt Infinity FX35. Es ist nicht einfach ein Querdenker zu sein.

Querdenker im Unternehmen

Das Trainingsunternehmen IQudo wollte wissen, wie Querdenker fernab von PR und Marketing in der Realität wahr genommen werden. In einer Stichprobenumfrage unter 100 Arbeitnehmern kam Erstaunliches zu Tage. Querdenker gelten als kreativ, zielstrebig und flexibel aber auch als unzuverlässig, anstrengend und teamunfähig.

Ein zweiter Widerspruch: Unternehmen fordern außergewöhnliche Denkansätze, erwarten aber angepasstes Verhalten. Zwei Charakterzüge, die ein Querdenker selten in sich vereint. Querdenker lieben es den Status Quo in Frage zu stellen. Dadurch erzeugen sie Reibungsverluste und gefährden schnell getaktete Prozesse.

Wie können Führungsverantwortliche Querdenker fördern und ins Team integrieren?
Kreatives Denken und strukturierte Abläufe können kombiniert werden, wenn Zeitinseln zum Querdenken eingeräumt werden, Individualität zelebriert und Denken abseits der Norm belohnt wird.

Intelligent, begabt und teamunfähig

Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wird im Film „The Sozial Network“ als typischer „Nerd“ mit eigensinnigen Ansichten und sozialen Defiziten dargestellt. Als Sonderling, der in seiner Welt lebt und mit überdurchschnittlicher Intelligenz gesegnet ist. Harvard-Studienabbrecher Zuckerberg tut sich schwer im Umgang mit anderen Menschen, hat jedoch ein feines Näschen für das Klatsch- und Tratschbedürfnis seiner Mitmenschen und für’s Geschäft. Facebook besitzt heute über 600 Millionen Mitglieder und soll geschätzte $60 Milliarden Wert sein. Sicherlich ist Facebook ein einzigartiges Beispiel. Jedoch, es zeigt, dass schon eine Idee eines Querdenkers das Wachstum des Unternehmens auf über Jahre hinaus sichern kann. Das Beispiel verdeutlicht auch die Negativseiten dieser Exzentriker [Lat.: ex centro, außerhalb des Mittelpunktes]. Zuckerberg weicht deutlich von der sozialen Norm ab. Intelligent, begabt und teamunfähig, so könnte man einen Querdenker beschreiben.

Psychologische Ursachen für den Widerstand gegen Querdenker

Ideenreichtum ist gefragt wie nie zuvor. Allerdings bläst den Ideengebern der Wind hart ins Gesicht. Ein Andersdenkender fliegt nicht in Formation mit den anderen, sondern gegen die Strömung. Das erzeugt Widerstand unter den Kollegen. „Graue Theorie!“ Wie lange sind Sie schon bei uns?“ „Das haben andere vor ihnen auch schon versucht!“ Die Argumente der Veränderungsverweigerer sind zahlreich. Der Querdenker steht mit seinen Argumenten alleine da und wird vom Team ausgegrenzt. Warum? Weil der Mensch gerne auf Bewährtes vertraut. „Never change a winning horse!“ Aber was tun, wenn das Pferd tot ist? Viele reiten unbeirrt weiter. Psychologen nennen dieses Verhalten Beharrungstendenz – der Widerstand gegen Veränderung. Die Furcht vor dem Unbekannten und die Scheu, Risiken einzugehen lässt Menschen an Vertrautes klammern. Mit Hilfe von gelerntem Wissen werden bekannte Lösungen favorisiert.

Psychologische Untersuchungen zeigen, dass wir gerne in einer Illusion von Gewissheit leben. Diese Feststellung trifft erstaunlicherweise nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere zu. Transportiert man einen vom Aussterben bedrohten Tiger aus einer kargen, leblosen Berglandschaft in saftiges Grasland und öffnet dort die Käfigtür, weigert sich die Raubkatze ihren dunklen Kerker zu verlassen. Es kann einen Wärter sogar einen Arm kosten, beim Versuch den Tiger mit Gewalt in die Freiheit zu entlassen. Des Tigers eigene Furcht hält ihn gefangen. Der Mensch verhält sich ähnlich. Unbekanntes und Ungewöhnliches bedroht den über Jahre erworbenen Erfahrungsschatz. Die durch konvergentes Denken geprägte Gehirnstruktur ist nicht auf abweichende Verhaltens- und Denkweisen vorbereitet. Resultat: Querdenker werden als störend und anstrengend wahrgenommen.

Querdenker fühlen sich in Kalifornien am wohlsten

Ein amerikanischer Werbespot für Erdnüsse aus den 90er Jahren zeigt einen verrückten Kalifornien mit wirren Ansichten, der in eine esoterisch-spirituelle Welt abgedriftet ist. Schnell wird klar: er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Die Auflösung des Spots: „The best nuts come from California!“ Die besten Nüsse – im übertragenen Sinn: die verrücktesten Menschen – kommen aus Kalifornien. Die besten Ideen auch: E.T., R2-D2, Shrek, Youtube, iPhone, Google, Facebook – die hippsten Bestseller kommen aus dem Sunshine-Staat. Kalifornien ist ein El Dorado für Visionäre und Self-made Millionäre. Hier wird Individualität nicht nur toleriert, sondern zelebriert. Schon in den 60er Jahren wehte ein liberaler Geist durch Kalifornien. Die Hippies traten für Selbstverwirklichung ein und markierten den Anfang des Individualismus. Die Weltverbesserer im Sillicon Valley, in Hollywood oder in Berkeley führen diese Tradition heute weiter.

In Kalifornien werden Querdenker ernst genommen und nicht als verrückt abgestempelt

In deutschen Unternehmen und Städten weht hingegen oft ein Geist, der eher einengt. Der vielzitierte Braindrain führt für Querdenker häufig deshalb ins Ausland, weil das hiesige Spießertum einfach nicht auszuhalten ist. „Hier bin ich nicht Mensch, und hier darf ich’s auch nicht sein!“ Viele in Kalifornien lebende Exildeutsche, möchten nicht mehr zurück, wie Christine Wood aus Sindelfingen. Sie lebt in Los Angeles und sagt strahlend: „Ich habe hier 365 Tage Urlaub!“ Wen wundert es also, dass die Welt veränderte Entdeckungen wie Twitter, Google und iPad nicht aus Deutschland, sondern aus dem Sunshine-State kommen. Es überrascht auch nicht, dass es ein kalifornisches Unternehmen war, das 1997 zum ersten Mal in Querdenkern geniale Menschen erkannte. In einem poetisch geschriebenen Werbespot aus der Feder der US-Werbeagentur TBWAChiatDay, Los Angeles verkündete Apple:

„Here is to the crazy ones. The misfits. The rebels. The troublemakers. The round pegs in the square holes. The ones, who see things differently. They are not following the rules and they have no respect for the status quo. You can quote them, disagree with them, glorify or vilify them. But the only thing you can’t do, is ignore them, because they change things. They push the human race forward. And while others may seem them as the crazy ones, we see genius. Because the people who are crazy enough to think they can change the world, are the ones who do.“ *1

Apple-CEO Steve Jobs sah im preisgekrönten „Think Different“-Spot nicht nur eine Werbebotschaft, sondern das firmeninterne Credo des heute innovativsten Unternehmens der Welt [laut BusinessWeek, April, 2010].

Sechs Ideen um Querdenker zu fördern und zu integrieren

Die Äußerungen der befragten Arbeitnehmer im Alter von 16 bis 70 Jahren zeigen, dass Querdenker auch wertgeschätzt werden. Man bewundert ihr Expertenwissen, die Konsequenz in ihren Handlungen und ihre Offenheit gegenüber Neuem. Wie kann der Spagat gelingen, Querdenker zu fördern und sie gleichzeitig ins Team zu integrieren?

1. Eine Kultur des Widerspruchs fördern.

Kreative Menschen geben sich nicht mit dem Status Quo zufrieden. Sie hören nicht auf die Dinge zu hinterfragen. Innovative Unternehmen wie Gore ermutigen Mitarbeiter zu widersprechen. Auch gute Agenturen erkennt man daran, dass sie den Widerspruch fördern. Die Berliner Ideenschmiede Heimat und ihr kreativer Kopf Guido Heffels stellen gerne Mitarbeiter ein, die es sich getrauen „Nein!“ zu sagen. Die Überschrift einer Stellenanzeige für die Werbeagentur lautete schlicht: „Nein Guido!“. Querdenker und solche die es werden wollen, fühlen sich durch eine Kultur des Widerspruchs angeregt, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Das so aufgebaute Bewusstsein für die Notwendigkeit des Widerspruchs baut im Team Verständnis gegenüber dem Andersdenkenden auf.

2. Individualität zulassen.

Wer in Deutschland freies Denken fördern will, muss zuerst den Schalter im Kopf umlegen. Andersartigkeit sollte nicht nur toleriert, sondern zelebriert werden. Vielfalt statt Einfalt. Kreativität entsteht, wenn Individualität zugelassen wird. Wenn jeder gleich denkt, wird das Ergebnis homogen und wenig überraschen. Es gilt das Motto: Wenn zwei Personen die gleiche Meinung haben, dann ist eine überflüssig. Der erste Schritt zu mehr Querdenkern im Unternehmen führt direkt zur Personalabteilung. Um Andersdenkende ins Unternehmen zu holen, sollten Bewerber mit schwarzen Löchern im Lebenslauf nicht als schwarze Schafe aussortiert werden. Es empfiehlt sich, die ungewöhnliche Erfahrungen des Bewerbers zu prüfen. Eventuell handelt es sich um schwarzes Gold.

3. Verständnis für exzentrisches Verhalten aufbringen.

Wenn Führungskräfte ungewöhnliches Denken fordern, dann müssen sie auch mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen rechnen. Der Dirigent Christian Gansch schreibt über Künstler: „Ich habe die großartigsten Künstler und die exzentrischsten Diven in der Musik erlebt. Je größer und visionärer sie waren, desto selbstreflexiver und kindlicher sind sie aufgetreten.“ *2 Visionäre Menschen agieren oft kindlich, divenhaft oder übertrieben emotional. Sie verfügen über eine Mischung aus spontaner Gefühlswahrnehmung und vernünftiger Analyse. Oft jedoch ist die Balance zwischen Emotionen und Verstand nicht gegeben. Launenhaftes Verhalten kennzeichnen Exzentriker. Durch ihre emotional bestimmte Verhaltensweise laufen sie Gefahr, dass Kollegen oder Kunden ihre revolutionäre Eingebungen nicht ernst nehmen. Das Potenzial einer Idee wird durch ein nicht adäquates Auftreten schnell verkannt. In Werbeagenturen werden die Ideen dem Kunden daher meistens nicht vom Kreativen, sondern vom Kundenberater präsentiert. Für eine Führungsperson ist es wichtig zu wissen, dass Kreativität eng mit Emotionalität zusammen hängt, und dass es Fingerspitzengefühl bedarf einen Querdenker zu führen. Querdenker sind Künstler und Künstler sind empfindlich. Fühlt sich der Visionär nicht ernst genommen oder gering geschätzt, wird er bockig und behält seine Geniestreiche für sich.

4. Das Ventil für kreatives Denken öffnen.

Viele Ideen entstehen in Kreativberufen in Nachtschichten, wenn das Tagesgeschäft erledigt ist. In entspannter Atmosphäre wird ungezwungen getratscht, geträllert und gelacht. Momente, in denen ungewöhnliche Ideen das Licht der Welt erblicken. Nächtliches Arbeiten zehrt auf Dauer an der Gesundheit und muss nicht sein. Führungskräfte können schnell getaktete Abläufe am Laufen halten, wenn Sie ab und zu, wie bei einer Dampflock, das Ventil für kreatives Tüfteln öffnen. Eine inzwischen vielfach angewendete und von Google vorgelebte Methode ist, den Mitarbeitern Zeit für eigene Projekte zur Verfügung zu stellen. Google bietet seinen Entwicklern einen Tag pro Woche zur freien Verfügung, um eigene Einfälle zu realisieren.

5. Über die Notwendigkeit zum innovativen Handeln aufklären.

Innovationen sind nur möglich, wenn der Status Quo immer wieder hinterfragt wird. So führt ein Einspruch gegen die konforme Meinung der Gruppe zu qualitativ hochwertigen Problemlösungen. Die US-Forscherin Charlan Nehmet, University of California, Berkeley hat festgestellt, dass eine Minderheitenmeinung die Qualität der Entscheidung im Team verbessert, selbst wenn der Vertreter der Meinung nicht richtig liegen sollte. Manager werden dazu gebracht, ihre Entscheidung zu reflektieren und sie erhalten mehr Wissen und Perspektiven über das Problem, bzw. für die favorisierte Lösung *3. Damit Einwände von Querdenkern von der Gruppe nicht als störend, sondern als qualtitätssichernd bewertet werden, sollten Führungskräfte die Meinungsvielfalt im Team unterstützen. Diese Informationspolitik führt zur Wertschätzung der Andersartigkeit im Allgemeinen.

6. Vertrauen entgegen bringen.

Kreative Ergebnisse sind unvorhersehbar. Das Unvorhersehbare, nicht Kalkulierbare verursacht oft Angst. Das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einem Team, minimiert diese Angst. Herrscht im Unternehmen Unsicherheit oder gar Angst, dann sind Meinungen bedacht, vorhersehbar und respektvoll gefasst. Kreative Gedanken werden unter diesen Umständen eher unterdrückt. Kreativität entsteht, wenn Querdenker aus der Sicherheit des Teams heraus authentisch sein dürfen. Wenn sie von ihren Teammitgliedern akzeptiert und verstanden werden, dann können sie offen sagen, was sie denken. Manchmal reicht schon eine Vertrauensperson im Unternehmen, ein guter Freund, dem der Querdenker seine Ideen offen erzählen kann, ohne ausgelacht zu werden. Ein visionärer Denker, der keine Unterstützung im Unternehmen findet, fängt irgendwann zu zweifeln an. Der Freund nimmt die Zweifel und gibt Rückendeckung falls der Grenzgänger sich verlaufen hat oder zu weit gegangen ist. Auch Querdenker können sich irren.

Quellen:

*1 Dt.: „An die Verrückten. Die Störenfriede. Die Rebellen. Die Querdenker. Die, die sich in kein Schema pressen lassen. Diejenigen, die Dinge anders sehen. Sie folgen keinen Regeln und sie respektieren nichts als gegeben. Sie können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie vergöttern oder verteufeln. Aber das einzige, was Sie nicht tun können, ist sie zu ignorieren, weil sie die Dinge verändern. Sie bringen die Menschheit weiter. Und während einige sie für verrückt halten, sehen wir das Geniale. Denn die Menschen, die verrückt genug sind zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun.“

*2: Harvard Business Manager, 01/2010. „Manager ignorieren ihre Sensibilität.“

*3: „My own research over the past 20 years is that minority views and, in particular, consistent minority dissent are extremely powerful correctives. They stem the likelihood of unreflective conformity. Even when wrong, a dissenter frees others from the power of the majority (J. S. Mill would say the ‚tyranny‘ of the majority) and permits them to make more independent and correct judgments. Perhaps most importantly, minority dissent actually stimulates people to think in more divergent ways and in more creative ways… In other words, the value of the minority views are not simply that they may be correct; even when incorrect, they serve the detection of truth and the quality of judgment.“ – Charlan Nehmet, 2005

Autor: Robert Gerlach, Internationaler Kreativtrainer und Inhaber von IQudo® – academy for creative intelligence. Und hier noch der Link zum original Artikel mit allen Zahlen, Fakten, Grafiken und einem Link zur Studie als pdf Datei.

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1 Kommentar

  1. Tja.. wir Deutsche sind einfach zu engstirnig und klammern uns an unseren Titeln fest und wenn uns mal jemand nicht mit Sie anspricht dann geht gleich die Welt unter.

    In den USA ist das zumindest in vergleichbaren High Tech betrieben komplett anders. Einfach lockerer.

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